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VORWORT
Fast 120 Jahre sind seit der ersten Auflage der »Auswahl deutscher Gedichte« von Dr. Theodor Echtermeyer vergangen, und die seit dieser Zeit in immer neuen Tausenden aufgelegte Gedichtsammlung ist zu einem festen Begriff für Schule und Haus in Deutschland geworden. Auch noch heute wird man der pädagogischen Absicht Echtermeyers zustimmen dürfen, »in die geistige Welt« des eigenen Volkes »einzuführen und den ideellen Reichtum desselben nach und nach zum Bewußtsein zu bringen. Die Beschäftigung mit vaterländischer Poesie wird aber hierzu das geeignetste Mittel sein, wenn man anders die Kunst als diejenige Form und Weise zu betrachten hat, in der sich das innere Leben der Völker am unmittelbarsten und vernehmlichsten dem jugendlichen Gemüte offenbart.« Echtermeyer dachte hierbei in erster Linie an die Aufgaben der höheren Schulen, aber seine Gedichtsammlung hat weit darüber hinaus universale Bedeutung gewonnen. Nicht eine wissenschaftliche Aufgabe war ihr gestellt, sondern die Pflege des unbefangenen Umganges mit lyrischer Poesie und das Aufzeigen gültiger, überdauernder Maßstäbe an einzelnen Beispielen.
Wer freilich den vielen Um- und Neugestaltungen des Ur-Echtermeyer genauer nachgeht, der wird erstaunt sein, wie viele äußere und innere Wandlungen im Schicksal unserer Nation sich hier abzeichnen. Ist ja doch die lyrische Poesie nicht etwas Fertiges und Abgeschlossenes, sondern selber dem Wachstum der Geschichte unterworfen, das mit dem Hervorbringen neuer und überraschender Formen auch das Vergangene, Gewordene immer wieder neu und anders beleuchtet. Ein Irrtum ist es, zu glauben, es gäbe kanonische Maßstäbe, die für alle Zeiten unumstößlich festständen. Auch das »alte Wahre« muß immer wieder von neuem gefunden und überprüft werden. Gerade darin bewährt es seinen bleibenden Rang. Nur so läßt sich die »Dauer im Wechsel« finden, und trotz aller unvermeidlichen Umformungen, die eine solche repräsentative Gedicht-