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Vorwort Die Taten bleiben
Von György Konrád
Vor einiger! Jahren war ich einer von den Initiatoren der neuen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Mitteleuropa. Wir wollten, daß der Begriff Mitteleuropa aus ästhetischer, ethischer und letztendlich aus politischer Sicht neu bestimmt imd gewertet wird, schließlich waren doch für diese Region, für unsere Verhältnisse nicht allein Feindseligkeit und Gegeneinander kennzeichnend, sondern auch Zusanunenarbeit und Miteinander. Und dieses Miteinander hat im Donauraum, insbesondere im letzten halben Jahrhundert des Habsburgreiches, Leistungen hervorgebracht, auf die bis heute jeder Mitteleuropäer stolz sein kann. Kein Volk allein wäre zum Ausbau eines so perfekt vernetzten Eisenbahn- und Banksystems, zur Schaffung einer derart funktionsfähigen Maschinen- und Nahrungsgüterindustrie, zur Errichtung so zahlreicher und bedeutender Theater imd Gymnasien fähig gewesen, wie das im Verbund der Donaumonarchie möglich war. Was damals entstanden ist, wurde zu Leuchttürmen und zu Triebkräften des wirtschaftlichen Wachstums imd der geistigen Entwicklung. Mehr noch: Das damals Entstandene wird in der ganzen Region nach wie vor fleißig benutzt. Als dann die Nationalismen die Grundlagen des liberal-konservativen Reiches sprengten und die Monarchie zerfiel, blieb im Mitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur ein politischer Leerraum, sondern auch ein moralisches Vakuum zurück. Von der Front kehrten die Soldaten mit der Erfahrung heim, daß das Töten anderer Menschen nichts Besonderes sei. Sie brachten mit sich das idiotische Wissen um die Barbarei, das Morden wäre leicht, man erhielte vom grundsätzlichen moralischen Verbot des Tötens Freispruch, falls der andere unter einem meist pejorativ genannten Namen zusammengefaßt wird. Derm irgendeiner Menschengruppe Böses nachzusagen, ist durchaus leicht. Minderjährigen den Haß beizubringen ist geradezu ein Kinderspiel, man soll nur mit dem Unterricht früh genug, schon im Kindergarten anfangen. Die Methode ist einfach: Man sagt, wir sind großartig, daß aber unsere Großartigkeit auch von der ganzen Welt erkarmt und anerkannt wird, scheitert nur noch an einem: an unserem Nachbarn, an unserem Nächsten, an dem sich uns anbiedernden, unter uns mischenden Teufel - betet den Führer an und haßt vor allem den Juden.