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Vorwort
Was haben Mädchen und Knaben gelesen, als in Frankfurt die prunkvollen Westendvillen gebaut, als die großen Opernhäuser hier und in Wiesbaden, in Paris, Wien und Prag errichtet und dem »Wahren, Schönen und Guten« geweiht wurden, als dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. nachgesagt wurde, sein in die Höhe gezwirbelter Schnurrbart passe zu seinen Worten: »Wie herrlich weit haben wirs gebracht?« Wie sah die Kinder- und Jugendhteratur der Kaiserzeit aus?
Die Lektüre der Jugend, das hat die Leserforschung seit langem ergeben, ist nicht nur als ein harmloser Spaß verstanden worden, sie ist auch als ein Mittel geistiger Beeinflussung gedacht gewesen und eingesetzt worden. Was in den Gründerjahren nach der Ausrufung des Zweiten Deutschen Kaiserreiches 1871 in Versailles bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zur angenehmen Unterhaltung, aber auch zur staatsbürgerlichen Erziehung der Jugend vorgesetzt wurde, läßt sich in dieser Ausstellung nur in Ausschnitten vor Augen führen. Wer die aus den Beständen des Instituts für Jugendbuchforschung stammenden Bücher, von denen übrigens einige noch immer in neuen Ausgaben zur Jugendlektüre gehören, damals gelesen hat, wissen wir nicht mehr genau. Aber wir können sagen: nicht nur die jungen Leute aus dem Westend und die, deren wohlbetuchte Eltern abends in die Oper gingen, auch die aufstrebende Jugend aus dem Kleinbürgertum, ja aus den schnell wachsenden Mietskasernen und Hinterhöfen wurde mit den Abenteuern aus den fernen Kolonien oder dem Leben im trotzköpfigen Mädchenpensionat aus dem Mief strenger Erziehung in Haus, Schule und Kirche gelockt und in glorreiche und herrschaftliche Illusionen entführt.
Das Institut für Jugendbuchforschung hat unter der Leitung von Dr. Helmut Müller und unter Mithilfe von Elke und Sabine Herrmann seine Bestände an Werken aus diesen knapp fünf Jahrzehnten deutscher