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L Kapitel
Bauten der Tiere Chronik des Verhaltens
Staunend stehen wir vor den modernen Riesenbauten aus Stahlbeton und Glas, und mit Ehrfurcht betrachten wir Dome, Tempel und Pyramiden. Während die Anfänge menschlicher Baukunst lediglich einige Jahrtausende zurückreichen, werden tierische Bauten bereits seit Jahr-millionen in beeindruckender Mannigfaltigkeit und in oft beachtlichen Dimensionen errichtet. Dennoch ist unser Wissen darüber, gemessen an der Zahl wissenschaftlicher Publikationen, erstaunlich gering. Während die Literatur über menschliche Bauten ganze Bibliotheken füllt, sind Veröffentlichungen über tierische Bautätigkeit zumeist in verschiedenen Fachzeitschriften verstreut und schwer zugänglich.
Wohl jeder von uns hat schon einmal gefragt, wo sich die Wildtiere verstecken, da man sie so selten zu Gesicht bekommt, wo sie wohnen, schlafen und ihre Jungen aufziehen, vielleicht auch, wie die kunstvoll geflochtenen Nester vieler Singvögel, die regelmäßigen Sechsecke in den Waben der Honigbiene oder die geometrischen Fanggewebe der Radnetzspinnen entstehen. Damit wäre bereits ein umfangreiches Spektrum tierischer Bauten umrissen, ein Spektrum, das sich beliebig erweitern ließe, auch auf Bereiche, in denen man eigentlich keine Bautätigkeit erwartet, wie im Paarungsverhalten einiger Vögel und Insekten.
Diesen verschiedenen Formen tierischer Bautätigkeit nachzuspüren, sie im Zusammenhang mit den natürlichen Umweltbedingungen darzustellen und auf die hinter jeglichem Bauverhalten verborgene Überlebensstrategie aufmerksam zu machen, soll Anliegen dieses Buches sein. Wir wollen uns dabei weniger mit dem bioni-schen Aspekt tierischer Bauten, deren Statik und konstruktiven Details befassen, sondern mehr Wert auf das Verhalten ihrer Erbauer legen, auf Prinzipien der Steuerung tierischen Bauverhal-
tens und nicht zuletzt auch auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen Menschen und tierischen Baumeistern.
Dabei kann sich die Beschreibung nicht auf Bauten und Bauverhalten allein beschränken. Das enthielte dem unvorbereiteten Leser, an den sich dieses Buch vor allem wendet, wesentliche Informationen vor, da man das jeweilige Bauverhalten nur aus dem Zusammenhang heraus richtig zu verstehen vermag. Gleichzeitig soll die ausführliche Darstellung helfen, Interesse und Verständnis für das Gesamtverhalten der Lebewesen zu wecken, mit denen wir den Platz auf unserem Erdball teilen, und auf diesem Wege zu deren Schutz beitragen, denn schützen kann man nur, was man kennt.
Seit schriftliche Zeugnisse vom Leben und Denken der Menschen berichten, finden sich auch Hinweise auf die Beschäftigung mit tierischen Konstruktionen, anfangs häufig unter wirtschaftlichen Aspekten (Waben der Honigbienen, Kokons der Seidenraupen) oder in Sagen und Mythen. So berichtet die griechische Mythologie: Arachne, eine kunstfertige 1ydische Weberin, forderte die Göttin Athene zu einem Wettbewerb im Weben heraus. Weil sie dabei Liebesafiaren der Götter darstellte, wurde sie von Athene mit der Lade des Webstuhles geschlagen. Arachne, ihre Vermessenheit erkennend, erhängte sich. Da verwandelte die Göttin den Strick in einen Seidenfaden und Arachne in eine Webspinne. Spätere Generationen gaben sich mit solchen Geschichten nicht mehr zufrieden. Exakte Beobachtungen und Meßmethoden führten zur soliden wissenschaftlichen Erforschung tierischer Bauten, mit der die Namen so großer Zoologen wie Fabre und Wheeler eng verbunden sind. Rei-marus (1740) und Rennie (1833) faßten das Wissen der damaligen Zeil über die »Baukunst« der Wirbeltiere in ihren Büchern zusammen, und