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VORWORT
Die Zweite Symphonie hat eine lange Entstehungsgeschichte, die, wie jene der meisten andern Werke Mahlers, die Geschichte eines beständigen Widerstreits zwischen seinem schöpferischen Antrieb und dem fast ebenso mächtigen, missionarischen Drang zur Dirigententätigkeit ist. Ihre Anfänge reichen wahrscheinlich noch in die letzte Zeit seines Wirkens am Leipziger Opernhaus, vielleicht bis ins Frühjahr 1888, zurück. Im März dieses Jahres hatte Mahler die Arbeit an seiner Ersten Symphonie abgeschlossen und im Spätsommer auch schon den ersten Satz der Zweiten instrumentiert (die ursprüngliche Aufzeichnung trägt den Titel „Totenfeier" und den Vermerk „Prag, 10. September 1888"), als er aber kurz darauf in Budapest die Stelle eines Opernchefs antrat, scheint es dabei auf längere Zeit sein Bewenden gehabt zu haben; denn auch nach seiner Übersiedlung nach Hamburg, wo er sich an der Seite Hans von Bülows durchzusetzen hatte, war zunächst vom Komponieren keine Rede. Erst 1893 brachte Mahler den zweiten und dritten Satz zu Papier, und ein Jahr später endlich, im Sommer 1894, konnte er den Freunden aus Steinbach am Attersee, seinem damaligen Feriendomizil, berichten, daß er seine Zweite Symphonie fertiggestellt habe.
Diese Daten sind vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie eine Zeitspanne markieren, in der sich der geistige Habitus eines Künstlers erheblich ändern kann. Als Mahler die Symphonie begann, war er achtundzwanzig, als er sie beendete, vierunddreißig. Weder die Langwierigkeit noch die Diskontinuität der schöpferischen Prozedur haben aber die geistige Kohärenz der Musik und die Einheitlichkeit ihres Stils im mindesten beeinträchtigt. Mahler ist dieser Eigenschaften freilich so sicher gewesen, daß er sie außer acht lassen konnte, als er dem Werk seine endgültige Gestalt gab. Er hat zwar, wie Erwin Ratz in seinem Vorwort zum zweiten Band der Mahler-Gesamt-ausgabe klarstellt, den ersten Satz 1894 ein zweites Mal in Partiturform aufgezeichnet und diese Version durch ein „renovatum" ausdrücklich als Neufassung deklariert, sich dabei jedoch auf Instrumentationsretuschen und die Kürzung einer Überleitung von 28 auf 10 Takte (244 - 253) beschränkt. Alles andere blieb so wie es war.
Der erste Satz ist also nicht, wie anzunehmen naheliegt, von vornherein aufs große Ganze hin konzipiert oder im Hinblick auf eine engere Korrespondenz mit den übrigen Sätzen nachträglich überarbeitet worden, sondern das Gesamtkonzept der Symphonie ist ein Derivat dessen, was im ersten Satz intuitiv angelegt worden war.