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N ach dem Tode der Mutter im Jahr 1947 fanden ihre sechs Kinder, die nun schon lange Zeit Erwachsene waren, sorgsam aufgehobene Briefe wieder, die sie an die Eltern geschrieben hatten. Jeder nahm die seinen an sich.
Der älteste meiner Briefe, den ich in den Händen halte, trägt die Handschrift der Zehnjährigen und wurde im ersten Weltkrieg, im Hungerjahr 1918, acht Monate vor der deutschen Revolution, geschrieben. Ich war wegen starken Untergewichts zu Bekannten aufs Land geschickt worden, es gab dort eine Tochter meines Alters.
„Großmarzehns, 30. März 1918
Liebe Mutter! Ich habe mich sehr über Deine Karte gefreut. Am Tage habe ich gar keine Sehnsucht nach Euch, bloß wenn ich abends im Bette liege. Heute unterhielt ich mich mit Herrn Fingerhut, welcher Ernas Großvater ist. Eine seiner vielen Fragen lautete: ,Hat Dein Vater ein großes Vermögen?' Auf diese Frage antwortete ich: ,Ja!' Dann gab es Abendbrot. Erst kam eine große Schüssel voll Bratkartoffeln, da sagte Herr Fingerhut: ,Die ißt Erna ja allein auf!' Sofort kam noch eine herein. Die Kartoffeln schwammen im Fett. In den Kartoffeln waren vier Eier und kleine Speckstückchen. Danach konnte man noch Gelee mit Vanilletunke nehmen. Dann ging ich todsatt ins Bett.
Gruß von Deiner glücklichen Tochter.
Kannst du Dir denken, daß ich, solange ich hier bin, erst vier Stullen gegessen habe, weil es so schöne andere Sachen gibt? Das stimmt nämlich."