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1Alles begann in der alten Kaisermühle im Mühltal südlich von Darmstadt. Dort wohnte Ernst Kreuder mit seiner Frau. Kreuder war nach dem Krieg einer der namhaftesten Schriftsteller >der ersten Stunde gewesen und hatte Aufsehen erregt mit den Romanen Die Unauffindbaren und Die Gesellschaft vom Dachboden. Später wurde es rasch einsam um ihn; er gehörte zu den Stillen im Lande, die den vordergründigen Literaturbetrieb mieden.Wir standen im Briefwechsel, erregten uns gemeinsam über die Betonierung Deutschlands und die sinnlose Zerstörung der Natur aus bürokratischer Dummheit. Ich besuchte ihn, als er gerade an seinem letzten RomanDerMann im Bahnwärterhaus arbeitete. Kreuder war Choleriker und ritt, ohne lange Einleitung, eine wütende Attacke gegen das Fällen von Chausseebäumen damals gab es diese Relikte einer vergangenen Zeit noch. Das eine negative Beispiel ergab das andere, und bald schimpften und tobten wir beide ziemlich wild über alles, was uns an Idiotie zum Thema Naturschutz und Bürokratie aufgestoßen war.Kreuder schlug dabei so heftig mit derFaust auf denTisch, daß das Pilsner aus den Gläsern und über die Bücher spritzte, die zu Hunderten sämtliche Wände, Sessel, Tische und den größten Teil des Bodens bedeckten. Plötzlich griff er mich am Arm und bat mich hinunter und hinaus an den Mühlbach.Die Kaisermühle war längst eine moderne Papiermühle geworden. Doch hinter den Gebäuden gab es noch die vermorschten Überreste eines alten Wasserrades. Ein Schwarzmilanpaar kreiste über den Feldulmen am Bachrand. Kreu-der ließ sich im Gras nieder und sagte etwa sinngemäß: Hier finde ich die Kraft, mich zu erholen, wenn ich mich wieder einmal über den Blödsinn dieser Welt so aufgeregt habe, daß ich alles kurz und klein schlagen möchte. Das hat mir der Arzt streng verboten. Doch diese Mühle Es sind nur Trümmer, Uberreste. Aber welche Harmonie, welche beruhigende Wirkung geht von diesen paar Holzfetzen aus! Wie von antiken Säulenresten!Danach stieg er, jetzt völlig ausgeglichen, mit mir die schmale Treppe hoch und zurück in die wenigen, viel zu kleinen Räume, die ihm die Stadt Darmstadt zurVerfügung gestellt hatte. Wir unterhielten uns von da an sehr gelassen über Probleme in seinem Roman und Einzelheiten meines Fliegerberufs. Die Szene ist, völlig verfremdet, in den ersten Zeilen des 29. Kapitels seines letzten Romans wiederzufinden.Das war 1971; imjahr darauf starb Ernst Kreuder. Die kurze Begebenheit an der Mühle geriet bei mir in Vergessenheit; damals galt insbesondere mein fotografisches Interesse den Naturschutzgebieten und Wolkenstimmungen. Erst viel später machte ich es mirzurGewohnheit, nach anstrengenden Flügen kurze Rast an einer der vielen Mühlen zu machen, über die der Spessart verfügt. Tatsächlich läßt sich kein größerer Gegensatz denken als zwischen dem Aufgebot an Supertechnik in einem Großraumflugzeug und einem friedlich plätschernden Mühlrad.5