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Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich in Zukunft die surrealistische Einstellung als wichtiger für das Verständnis der Epoche und deren Geschichtsschreibung herausstellt, als die Aktivitäten der Mitglieder dieser Gruppe in den begrenzten Bereichen der Literatur, der Dichtung, der Malerei oder des po-htischen Engagements. Worauf beruht das Phänomen, daß Dali die Welt so stark in Staunen und Bewunderung versetzt ? Auf nichts anderem, als daß er Dali ist.
Sein Leben ist ein ununterbrochenes Feuerwerk, ein fortwährendes Pest, das ihn und uns ständig verzaubert. Rastlos ist er in Bewegung — zu malen, zu zeichnen, zu modellieren und zu signieren, daneben Anregungen aufzunehmen oder zu geben, die neuen Einzelheiten in der Mythologie seines täglichen Lebens gelten. Sein Humor hält seinem Witz die Waage, und seine Unverschämtheit gibt seiner Höflichkeit nichts nach. In einem Sturzbach von Überraschung seffekten, von kleinen Aktionen und großen Unternehmungen, die alle höchst intelligent sind, achtet Dali in jedem Augenblick seines Lebens darauf, daß er Dali bleibt.
»Jeden Morgen beim Erwachen«, schreibt er in seinem Tagebuch eines Genies, »genieße ich das erhabene Vergnügen, Salvador Dali zu sein. Voller Erstaunen frage ich mich dann, was dieser Dali heute noch wieder Wunderbares verrichten wird.« Und abends schläft er in dem Bewußtsein ein, immer Dali zu sein und zu bleiben.
Das doppelte Schauspiel, das Dali für sich und die anderen veranstaltet, führt in einen Taumel, der jedem Augenblick seines Lebens eine unglaubliche Dichte verleiht. Ob nun diese Fähigkeit, noch aus dem geringsten Anlaß etwas zu machen, in seiner kritisch-paranoiden Methode eine vernunftgemäße Erklärung findet, oder ob sie als Zauberei jenseits aller Vernunft erscheint, immer bleibt sie die grundlegende Kraft, aus der alle seine großen Ideen entspringen.
Mit seinem an Aberglauben grenzenden Glücksfanatismus, mit seiner Intelligenz als explosive Mischung aus gesundem Menschenverstand und Para-doxie, mit einer geistigen Behendigkeit, die noch die Gescheitesten abhängt, wird er pausenlos schöpfe-
risch, erneuert sich, provoziert, nimmt den Kampf auf. Er wird selbst kaum damit fertig, daß er Dali ist, wenn er auch gern sagt, er verstehe nicht, wieso die anderen Menschen nicht Dali seien. Stets muß er seiner Rolle gewachsen sein, und dieser hohe Anspruch macht die Strenge seines Lebens aus.
Nicht damit zufrieden, sein Genie in sein Leben umzusetzen, legt er es auch in seine Werke. Man muß nur den Christus vom Heiligen Johannes vom Kreuz aus dem Glasgower Museum (Farbtafel 41) oder die Metamorphose des Narziß (Seite 33) aus der Täte Gallery ansehen, um zu begreifen, daß er ein großer Maler ist. Ebenso kennt man ihn als hervorragenden Schrifsteller, wenn man Das geheime Leben des Salvador Dali von Salvador Dali gelesen hat, Seine Schmuckstücke allein hätten aus ihm einen berühmten Goldschmied gemacht. Seine Möbelentwürfe stellen ihn über die Innenarchitekten. Und ähnlich verhält es sich mit seinen Filmen und Balletten, seinen Objekten aus Glas, Wachs und Teer, mit Löffeln, aus Kristall, Schutt, Seifenwasser, Bronze
Wie bei den Renaissancekünstlern entfaltet sich Dalis Begabung in mehreren Disziplinen. Dabei unterstützen ihn Kunsthandwerker, denen er sich mitzuteilen weiß und aus denen er das Äußerste ihrer Technik herausholt. Er sagt übrigens selbst, daß seine geistigen Kinnbacken ständig in Bewegung sind und daß er die universelle Wißbegier des Renaissancemenschen besitzt.
Die Renaissance hätte das Genie Dalis mühelos in sich aufgenommen. Heute aber fällt er dermaßen aus dem Rahmen, daß er in unserer modernen Welt mittelmäßiger Bürokraten zu einer Provokation wird. Noch immer gibt es viele, die diese Provokation falsch verstehen und nach den Irrenärzten rufen. Aber ständig wächst auf der ganzen Welt sein Publikum, und man bringt ihm mehr Aufmerksamkeit entgegen. Dali selbst hört noch lange nicht auf, Dali zu sein, und provoziert unterdes die Welt fortwährend mit seiner surrealistischen Gestalt. Es wird ständig schwieriger, keine Notiz von ihm zu nehmen, denn neben das Genie tritt noch eine Gestalt mit legendären Zügen, die von Presse und Fernsehen ausgeschmückt wird. Das Genie allein könnte man ignorieren, verfolgen oder verspotten. Aber