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Gehorsam und Freiheit
Vortrag, gehalten in Freiburg 1. Br. am 30. Januar 1958
Wir sind geneigt, verehrte Hörer, aus dem Wortpaar »Gehorsam und Freiheit«, das uns heute abend beschäftigen soll, einen Widerspruch oder Gegensatz herauszuhören; aber schon beim ersten Uberdenken der Begriffe wird uns klar, daß unser Gefühl hier trügt. Das Gegenteil von »Gehorsam« heißt ja nicht »Freiheit«, sondern »Willkür«; und das Gegenteil von »Freiheit« ist nicht »Gehorsam«, sondern »Knechtschaft«. Aber »Gehorsam« ist eben nicht »Knechtschaft«, wie auch »Freiheit« nicht »Willkür« ist. - Es wird sich deshalb empfehlen, zuallererst einmal eine Sprachvereinbarung zu treffen und eine Sprachregelung vorzunehmen.
Unter »Gehorsam« verstehen wir ein Verhalten, mit dem wir auf ein Gehörtes antworten und zwar positiv antworten: ein Ja-Sagen und ein Ja-Tun auf das hin, was wir gehört haben! - Eine negative Antwort würden wir als »Ungehorsam« bezeichnen. - Vernehmen wir zwei einander widersprechende Stimmen und folgen der einen, so ist unser »Gehorsam« dieser Stimme gegenüber in sich zugleich »Ungehorsam« gegenüber dem anderen. - Damit wird deutlich, daß »Gehorsam« ein formaler Begriff ist, der mit verschiedenen Inhalten gefüllt werden kann, der also qualitativ nicht vorbestimmt ist. -»Gehorsam« hat also nicht ein bestimmtes ethisch-moralisches Vorzeichen; er kann »gut« und er kann »böse« sein; aber er ist nicht eine Tugend; er ist nicht schon »gut«, weil er »Gehorsam« ist. -
»Knechtschaft« ist nicht mit »Gehorsam« zu verwechseln, insofern als es dabei gar nicht darauf ankommt, ob das, was wie »Gehorsam« aussehen mag, tatsächlich auf meinem Ja beruht. Im Grunde kommt es da gar nicht auf mich, sondern lediglich auf mein Tun an. Die positive Antwort auf den gehörten Befehl, die gegebene Weisung braucht mich nicht selber zu berühren. Und insoweit hat »Knechtschaft« immer schon ein qualitatives, nämlich ein qualitativ negatives Vorzeichen im