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Für M. S. in Gärten Pompejis
Von ihren Malerfürsten erzählten die Griechen eine Geschichte, die in derZeit der abstrakten Kunst besonders berührt: Als Apelles (etwa 350—300 v.Chr.) auf einer Reise in Rhodos gelandet war, eilte er gleich in Protogenes' Werkstatt, traf aber nur eine alte Dienerin, die ihn fragte, wer er sei. Zur Antwort ergriff er einen Pinsel, zog eine feine Linie auf einer Tafel, die zum Malen vorbereitet war, und verließ das Haus. Protogenes erkannte gleich, daß nur Einer eine solche Linie gezogen haben konnte. Er teilte sie mit einer noch feineren und hinterließ beim Weggehen: er sei es, den der Unbekannte suche. Als Apelles zurückkam, gelang es ihm, die Linie mit einer dritten Farbe zu schneiden. Vor diesem Wunder der Kunst erklärte sich Protogenes als besiegt.
Die »Linie« des Apelles ist immer berühmt geblieben, als Inbegriff klassischer Malerei; berühmter noch Apelles' »nulla dies sine linea«, die Forderung beharrlichen Übens. Sie erinnert an Worte östlicher Meister, die in ihren Linien etwas vom Atem des »Großen Lebens« erscheinen lassen, aber auch an das griechisch Geometrische, das reinste Beispiel eines »abstrakten« Stils. Man darf diese Linienkunst nicht verwechseln mit modernem Artistentum, das mit der Kunst spielt. Heute und immer hebt große Kunst aus der Fülle der Erscheinungen Formen, in denen sie ein Höheres erfährt. Davon zeugt unser Band mit dem Kostbarsten, was uns aus der Zeit des Apelles und Protogenes erhalten ist. Damals ist den Griechen das Geheimnis der Meisterschaft bewußt geworden.
Als ein Schuster ein halbvollendetes Bild des Apelles sah, tadelte er, es fehle auf der Innenseite der Schuhe eine Öse. Der Meister ließ sich gerne belehren, aber als der Schuster auch die