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PAESTUM
In der fruchtbaren, reichen Ebene des Sele-Flusses, breit und mit nahezu unbegrenztem Gesichtskreis, steigt, wie Venus aus der IVluschel, Paestum, eine prächtige, an Kunstwerken reiche Stadt. Strabo, eher Geograph als Geschichtsschreiber, versetzt uns bei der Behandlung dieser Stadt in die Welt der IVlythologie. Da lebt die Erinnerung an Jason mit seinen abenteuerlustigen Argonauten wieder auf. Knapp an der Küste des Tyrrhenischen Meeres mit ihren zahlreichen Buchten und kleinen Anlegeplätzen vorbei umschiffen sie Palinuro, wo der Wind umspringt, und gehen bei der Mündung des Sele an Land. Von der Schönheit der Landschaft überwältigt, errichten sie den Tempel der Hera, um sich das Wohlwollen der Göttin zu sichern Eine menschliche, dem religiösen Empfinden entsprungene Tat, gewiß, die dann zur Legende, zum Mythos wurde.
Gemächlich schlängelt sich der Seiefluß von der Alburni-Kette und dem Picentinl-Gebirge zum Tyrrhenischen Meer herab. Im Bereich der Mündung legten die Argonauten in weitem Kreis ihre Schiffe an, und auf dem linken Ufer entstand, zuerst als kleiner Siedlungskern, dann immer größer und prächtiger PAESTUM. Aufgrund der archäologischen Funde läßt sich das allmähliche Wachsen der Stadt rekonstruieren: von der älteren zur jüngeren Stelzeit über die Eisenzeit bis zum Beginn der eigentlichen Geschichte.
Wann wurde Paestum nun wirklich begründet? Die ältesten Geschichtsschreiber, nämlich Strabo (1. Jahrhundert vor Christus) und der Grammatiker Solinus (3. Jahrhundert n. Chr.) berichten von der Anwesenheit der Sybariten (7. Jahrhundert v. Chr.), die am Meeresstrand eine befestigte Siedlung errichteten, von den Griechen Posel-donia genannt, bzw. von einer dorischen Besiedelung. Die geographische Lage und die Fruchtbarkeit des Bodens hatten Paestum zu einem Anziehungspunkt und zu einem blühenden Umschlagsplatz der Magna Graecia werden lassen, die es auf geschäftliche Beziehungen mit den italischen Völkerschaften, wie z.B. den Etruskern, abgesehen hatte. Im 6. Jahrhundert v. Chr. erreicht die Stadt ihre höchste Blüte und bewahrt sie über ein Jahrhundert lang.
Der Niedergang von Syris infolge des Bündnisses zwischen Metapontum, Sybaris und Croton, sowie die rückläufige Handelstätigkeit der Etrusker am Sele-Ufer, schließlich auch der Untergang von Sybaris und seines Handelsreiches (510 v. Chr.) förderten die Entwicklung von Paestum, das ein dichtes Netz von Geschäft-sbeziehungen bildet und im Bereich der Stadtmauern (Umfang 4750 m) einer Metropole würdige Kunstbauten errichtet, die auch heute noch in ihrer Blöße von dem hohen kulturellen Niveau der damaligen Bevölkerung künden. Auf das Jahr 550 geht die Basilika zurück, 50 Jahre später folgt der Ceres-Tempel und wenige Jahrzehnte darauf der Neptun-Tempel. Im Herzen der Stadt, an einer etwas erhabenen Stelle, die an die Akropolis erinnert, wird ein großes Heiligtum errichtet. Die Stadtmauern werden durch viereckige, vieleckige und runde Türme verstärkt und mit vier Toren versehen: im Osten Porta Sirena, im Westen Porta Marina, trutzig und gewaltig, im Norden Porta Aurea und im Süden Porta Justitia. Dazu kommt eine Vielzahl kleiner enger Durchlässe (« posterule » genannt), vielleicht als Notausgänge gedacht oder zum Zweck einer unmittelbaren Verbindung mit der umliegenden Landschaft.
Im 5. Jahrhundert v. Chr. (420 - 410?) machen die benachbarten Lukaner der Blütezeit vielleicht sogar ohne Blutvergießen ein Ende. Poseidonia fällt und verliet auch seinen Namen, es wird bis zum Jahre 273 v. Chr. Paestum genannt: in diesem Jahr vertreibt Rom die Einwohner und begründet eine Kolonie lateinischen Rechts, die den endgültigen Namen PAESTUM erhält. Als Rom seine Seemacht zu begründen begann (1. Pu-nlscher Krieg), bekam es von dieser treuen verbündeten Stadt bedeutende Unterstützung in Form von erfahrenen Seeleuten und Schiffen, und nach der Niederlage bei Canae sogar die goldenen Zierate der Tempel. Rom anerkannte diese Großzügigkeit,