Bővebb ismertető
Zum ersten Mai trat Ottó Nagel 1921 im Berliner Osten, in Ernst Friedrichs Arbeiter-Kunst-Ausstellung, an die Öffentlichkeit. Diese Ausstellung hatte der Arbeitsrat für Kunst ins Leben gerufen, eine vom revolutionáren Elan des November 1918 getragene Gründung, der Künstler wie Feininger, Heckel, Kolbe, Marcks, Meidner, Ottó Mueller, Nolde, Pechstein und Schmidt-Rottluff angehörten. Ihre treibende Kraft war der sozialdemokratische Kunstkritiker Adolf Behne, der auch als erster das Talent des Berliner Transportarbeiters Ottó Nagel erkannte und auf seine Entwicklung EinfluB nahm. Ernst Friedrich, der KPD nahestehend, war der Galerist dieser Ausstellung, zu der auBerdem ein Buchverlag gehörte. Die Bilder, die Nagel 192r zeigte, wirkten ungewöhnlich. In ihnen lebte das einfache Volk von Berlin. Zwar war Ottó Nagel nicht der einzige, der solche Themen malte, doch wurde entscheidend, wie er sie auffaBte, wie er, seit dem Erfolg dieser Ausstellung, aktiv in die künstlerische Entwicklung ei ngri.fi. Um das damals AuBergewöhnliche jener Ausstellung zu verstehen, bedarf es der Einsicht in die vor und nach der Novemberrevolution auf die progressive Künstlerschaft cinwirkenden Umstánde. Die opportunistische, dem Revisionismus anheimgefallene deutsche Sozialdemokratie gab schon vor dem ersten Weltkrieg keine Beispiele des revolutionáren Kampfes mehr und vermochte kaum noch Künstler für dic Kraft der Arbeiterklasse zu begeistern. Das Gegenteil war eingetreten: viele wurden durch die Korrumpierung eines Teils der sozialdemokratischen Arbeiterführer abgestoBen und zogen aus der Verbürgerlichung der Arbeiterbewegung den SchluB, daB die Führung des Volkes im Kampf um eine revolutionáre Demokratie den Intellektuellen zufíele. Die linksbürgerliche Opposition sammelte sich unter dem Banner des Expressionismus, weil für sie die rote Fahne der Arbeiterklasse ihre ursprüngliche Anziehungskraft verloren hatte. Immerhin fühlten sich die linken Expressionisten mit den revolutionáren Vorgángen in RuBland und Deutschland verbunden, sie ahnten die Bedeutung der Volksmassen für die geschichtliche Entwicklung, aber sie waren nicht in der Lage, das Proletariat und seine Weltanschauung zu begreifen und mit allén Konsequenzen zu vertreten. Ihr Sozialismus war ethischer Art und trat in der Novemberrevolution oft mit anarchistischer Fárbung auf. Indessen: die GroBe Sozialistische Oktoberrevolution wurde zum geschichtlichen Ausgangspunkt für eine neue revolutionáre Kunst auch in Deutschland. Die Kámpfe des deutschen Proletariats in der Novemberrevolution und die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands führten den Beginn dieser neuen Etappe vielen deutschen Künstlern zum BewuBtsein. Das revolutionáre Proletariat wurde wieder und umfassender zum Orientierungspunkt aller fortschrittlichen Kráfte, auch der linksbürgerüchen Opposition. Ottó Nagel war nicht der einzige bildende Künstler, der schon Anfang der zwanziger Jahre in den Reihen der Kommunistischen Partei kámpfte, aber die meisten waren aus dem Bürgertum gekommen, einige, wie George Grosz und Rudolf Schlichter, kehrten wieder in seinen SchoB zurück. Ottó Nagel dagegen, der Sohn eines Tischlers, wuchs wie natürlich in dic Reihen der Partei hinein. In ihm besaft die deutsche Arbeiterklasse ihren ersten bildenden Künstler, der die Erfahrungen des Volkes und seine revolutionáren Kráfte in sich trug. Nagels Vater war Sozialdemokrat, als Kommodentischler leistete er fast ausschlieBlich Reparaturarbeiten für Proletarierfamilien im Wedding. Er hatte eine junge Fabrikarbeiterin geheiratet. Ottó Nagel war das fünfte Kind in der Familie, und Vater, Mutter sowie die álteren Brüder vermittelten dem heranwachsenden Knaben die entscheidenden frühen Bildungserlebnisse. Dazu gehörte, daB der Vater den Vorwárts las und den Wahren Jacob abonniert hatte, daB in der Familienwohnstube Portrátfotos von August Bebel und Wilhelm Liebknecht hingen. Die sozialistische Gesinnung im Elternhaus ist die Grundlage von Ottó Nagels Erziehung und Selbsterziehung, resümiert Erhard Frommhold, der Biograph des Künstlers. Aus Zeitschriften wie Der wahre Jacob und wahrscheinlich auch Das Narrenschiff gewann der Tischlerssohn die ersten künstlerischen Eindrücke, verbunden mit Namen wie Hans Baluschek, Martin Brandenburg und dem in seinen Anfángen noch sozialkritischen Lyonéi Feininger. Und dann gab es die Organisation der Arbeiterjugend, in der Ottó Nagel Mitglied wurde. Vor allém durch sie erreichte ihn die sozialdemokratische Bildungsarbeit. In Wort und Bild wurden ihm sozialdemokratische Maler vorgestellt: Friedrich Zundel, der mit Clara Zetkin verheiratet war; er lernte Schaffensbeispiele von Káthe Kollwitz, von Meunier, Steinlen, van Gogh, von Kubin und Zille kennen. Durch Beitráge von Wilhelm Hausenstein und Adolf Behne in der Zeitschrift Arbeiter-Jugend wurde Ottó Nagel aufmerksam auf aktuelle Vorgánge in der europáischen Kunst. Schon im Zeichenunterricht der Volksschule offenbart sich dem Knaben sein Talent. Zugleich fördert ein zunáchst naiver Lese- und Bildungshunger die Phantasie. Bruno Paul, der Leiter der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums, bekam Zeichnungen des Vierzehnjáhrigen zu sehen und sicherte ihm eine Freistelle zu, sofern er erfolgreich eine Lehre als Glasmaler absolviere. So tritt der Schulabgánger 1908 zunáchst als Lehrling in die beriihmten Berliner Werkstátten für Mosaik- und Glasmalerei Gottfried Heinersdorff ein. Doch schon 1910, nachdem er von seinem Meister wegen der für ihn selbstverstándlichen Beteiligung an der Feier zum Ersten Mai gcohrfeigt worden war, bricht Ottó Nagel die Lehre vorzeitig ab. Fortan