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Vorwort
Die östcrrcichisch-ungarischc Monarchie war die letzte Existenzform des Habsburgerreiches. Infolge des Ersten Weltkriegs verschwand sie 19lS von der Landkarte Europas. Ihren Platz nahm eine Reihe kleiner Staaten ein.
Der Zeitpunkt des Todes, des Untergangs steht also fest. Schwieriger wird es mit dem Zeitpunkt der Geburt, obwohl dieser eigentlich genau datierbar ist: Die österreichisch-ungarische Monarchie entstand 1867, als der Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn zustande k.un. Das Habsburgerreich blickte jedoch im Moment des Ausgleiclis bereits auf eine jahrhundertealte Vergangenheit zurück. So gesehen war das kaiserliche und königliche, k. und k. Staatsgebilde tatsächlich nur die letzte E.xisrenzform einer L.ändergruppe mit wechselndem territorialem Rahmen.
Dieses Buch nimmt sich vor, die k. und k. Welt in ihrer Vielfalt zu präsentieren. Natürlich geht es auch auf die Vorgeschichte ein; auf den Aufstieg der Familie Habsburg, darauf, wie die Geschichte des beinahe gesamten europäischen Kontinents in der im Mittelalter beginnenden Geschichte dieser Familie in Erscheinung tritt, und wie sich dieser von der Nachwelt oft als Donaumonarchie bezeichnete Staat unter der Leitung der Habsburg-Dynastie konstituiert, gestaltet und verändert hatte. Das zentrale Thema des Buches ist jedoch die österreichisch-ungarische Monarchie, jene letzte Existenzform. Gewissermal^en betrachten wir das Leben des Reichs in einer Form, als würden wir von einem Menschen reden. Wir sprechen von seinem Körper, seinem Geist und seiner Seele, von seinem Alltag und seinen Feiertagen, auch \'on seinen Krankheiten.
Das Buch handelt aber — um es bildlich auszudrücken — nicht bloß von einem Toten, von einem einst bestandenen Reich. Denn einerseits trifft es zu, dass die kaiserliche und königliche Monarchie im Jahre 1918 verschied. Andererseits hinterlieíá sie ein vielschichtiges Erbe. Wie ein Mensch, der seinen Nachkommen einen geistigen und gegenständlichen Abdruck vererbt. Gewiss muss ich mir an dieser Stelle sofort widersprechen, weil sich der Begriff des historischen Todes vom biologischen Tod unterscheidet. Im letzteren Fall geht die zeitliche Existenz einer Person zu Ende und seine Erben können sein Hab und Gut und seinen geistigen Nachlass untereinander aufteilen. Der historische Tod hingegen bedeutet lediglich, dass ein Staatskorpus, ein policisches System vergeht, die Menschen aber weiterleben und ihr Dasein in einem anderen Kontext fortKihren. Folglich stellt der Tod in der Geschichte eine Kontinuität und zugleich die Unterbrechung dieser Kontinuität dar.
Aus diesem Grund müssen wir wissen — wenngleich der Zeitpunkt vom Tod der Monarchie uns nicht unbekannt ist —, dass wir uns nur dessen sicher sein können, dieser Staat ist vergangen. Doch alles, was darin enthalten war, ist bei uns, steckt in uns - nur eben in veränderten bzw. neuen Ausmaßen; es ist keine Vergangenheit, die vorüber ist, sondern ein Prozess. Es gibt den vollendeten und totalen biologischen Tod - den vollendeten und totalen historischen Tod gibt es jedoch nicht.
Ich glaube, dass die österreichisch-ungarische Monarchie am ehesten gerade aus diesem Grund interessant ist: Man kann sehr viel darüber erfahren, was die hier lebenden Völker und Kulturen charakterisierte und bis heute charakterisiert. Und jetzt, da die Völker der einstigen Monarchie zum großen Teil einem neuartigen Imperium, der Europäischen Union, angehören, wird es vielleicht auch möglich, dass wir unsere gemeinsame Vergangenheit nicht nur aufgrund nationaler Prinzipien interpretieren, sondern auch entlang der Logik der Integration. Was uns nämlich einst trennte, verband uns zugleich - paradoxerweise. Und es verbindet uns auch heute, auch morgen, noch für eine lange Zeit.
András Gero