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JOSÉ CLEMENTE OROZCO war nie Anhänger irgendeiner »Kunstbewegung«. Er markierte weder jene von dem Außergewöhnlichen gezeichneten Wege, die wiederholt in Mexiko eingeschlagen worden sind, noch folgte er einer »Bewegung«, wenn man sie als eine Zusammenfügung verwandter Ideen, Interessen oder gemeinsamer Absichten, die eine bestimmte Richtung annehmen, verstehen wollte, Orozco blieb gleich unbeweglich wie das Monument der Revolution auf dem Platz der Republik.
Mein Mann entfaltete sich innerhalb seiner eigenen Bahn, ohne dabei jemandem ähnlich sein zu wollen. Das von Siqueiros 1922 verfaßte »Manifest«, das Orozco 1922 gemeinsam mit vielen anderen unterzeichnete, bedeutete für ihn eine wohltuende Proklamation radikaler Erneuerung der Kunst, niemals aber eine kurz- oder langfristige Abhängigkeit von Regeln und Vorschriften.
Die Rebellion der mexikanischen Maler in den ersten zwei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts - an der Orozco leidenschaftlich teilnahm - galt der Zerstörung hinfällig gewordener Traditionen und der Durchsetzung des Rechtes des Künstlers, seine Unruhe den Massen so kundzutun, wie es jeder einzelne von ihnen wollte. In Wirklichkeit wurde das, was Orozco hinsichtlich dieser Rebellion sagte, zum Nutzen anderer verfälscht, und nur durch Zugeständnisse konnte er sich inmitten von Illusionen über »Wege« und »Bewegungen« behaupten.
Eines der grundlegenden Ziele des »Manifestes« von 1922 war es, ausschließlich monumentale Werke, also Wandmalereien für die Öffentlichkeit zu schaffen und die »Staffeleibilder« abzulehnen. Siqueiros, der Autor dieses Dokumentes, zögerte nicht weniger als siebzehn Jahre, dieses Ziel zu verwirklichen, denn erst 1939 wurde der aus der Provinz Chihuahua stammende Künstler für die Monumentalkunst »geboren«: mit seinem ersten wichtigen Wandbild für das Gewerkschaftshaus der mexikanischen Elektrizitätsarbeiter in Mexiko-Stadt. Während dieser siebzehn Jahre hatte Orozco seine Arbeiten in der Escuela Nacional Preparatoria 1923, in Orizaba 1926, im Pomona College, Claremont (USA) 1930, der New School for Social Research, New York 1930-1931, dem Dartmouth College, Hanover (USA) 1932-1934, dem Palast der Schönen Künste, Mexiko-Stadt 1935, der Universität von Guadalajara 1936-1938, dem Regierungspalast in Guadalajara 1938-1939 ausgeführt und arbeitete weiterhin in Guadalajara im Hospicio Cabanas an seinem als Hauptwerk anerkannten Wandbild.
Diego Rivera, der noch vor Orozco als Wandmaler zu arbeiten begonnen hatte, trennen nahezu zwanzig Jahre von dem Zeitpunkt, an dem Siqueiros als letzter durch die große Pforte der Wandmalerei trat.
Die Staffeleimalerei war auch nicht so verpönt, obzwar Dr.Atl (Gerardo Mu-rillo) - der erste unter den Rebellen -, Orozco, Siqueiros und Rivera die Fragwürdigkeit dieser Malweise erkannten. Die schönen Landschaften Dr. Atls waren nicht gerade die geeignete Form für die »Zerstörung des bürgerlichen Individualismus und die Sozialisierung der Kunst«, die das »Manifest« verlangte. Die majestätischen Gipfel des Popocatépetl, die der große Landschaftsmaler so oft erklomm, gehörten zu den Gegenden, wo, von Dr.Atl angeführt, die saubere und gerechte Revolution Gestalt annahm, nicht die schmutzigen, dunklen Kavernen, in denen sich die Politik mit der Kunst zu vermengen pflegt.