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NACHWORT
Le cor anglais de „Nuages" prolonge (a flute du „Faune" . . .
Pierre Boulez
Debussy beabsichtigte, für den ihm freundschaftlich verbundenen Geiger Eugene Ysaye drei Nocturnes zu komponieren - so kündigte er es ihm in einem Brief vom 22. September 1894 jedenfalls an. Die Idee dazu äußerte der Komponist jedodi schon zwei Jahre früher, im September 1892, in einem Brief an den Prinzen Poniatowski. Er bezeichnet die Stüdce hier als Trois Scenes au crépuscule (Drei Szenen in der Dämmerung). 1896 wurden die Nocturnes für Solo-Violine und Orchester beendet. Die Begleitung sah für den ersten Teil Streicher und für den zweiten Bläser nebst Harfen vor. Im dritten Teil sollten sich alle Instrumente vereinigen. Es kam nicht zur Aufführung, die Partitur ist verschollen, und Debussy erwähnte sie nicht mehr. Das Projekt verfolgte er aber weiter, und wahrscheinlich stellt die Version für Orchester eine Bearbeitung der ersten Fassung dar. Die Entstehungszeit ist auf dem Manuskript vermerkt: „Komposition von Dezember Î897 bis Dezember 1899." Am 9. Dezember 1900 dirigierte Camille Chevillard in den Concerts Lamoureux die ersten beiden Sätze, und am 27. Oktober 1901 fand die Uraufführung des gesamten Triptychons statt. Die Befreiung von erstarrten traditionellen Techniken und ästhetischen Maximen, zuerst im Prélude a l'apres-midi d'un faune formuliert, nndet in den Nocturnes eine bedeutsame Fortsetzung. Das Schema eines klassischen sinfonischen Aufbaus mit seinem Themendualismus sowie daraus resultierenden formalen und harmonischen Verläufen, das von der Schule um César Franck behütet wurde, existiert für Debussy nicht mehr. Seine Werke folgen nun den Strukturgesetzen rhythmischer und harmonischer Felder, von Klängen, welche die ursprünglichen harmonischen Beziehungen von Spannung und Auflösung nicht mehr kennen, von Klangfarben, die ebenso bestimmend für ein ganzes Stück sein können, wie es früher ein Thema war. Meditationen über Farben, besser gesagt, Überlegungen zur subtilen Aufspaltung des Farbwertes „grau" begleiten die Entstehung der Nocturnes. In dem oben zitierten Brief vom September 1894 schrieb Debussy über die erste Version: „Im ganzen gebt es dabei um das Experimentieren mit den verschiedenen Anordnungen ein und derselben Farbe, was Beispiel in der Malerei ei/te Studie in Grau wäre". Nun soll damit nicht eine gewisse „Tristesse" beschworen werden, sondern Debussy will die Klangfarben des Orchesters auf ihren eigenen Wert zurückführen, er sucht die Schattierungen einer Farbe, nicht Vermischung oder Überlagerung mehrerer. Es ist der
Beginn einer positiveren Bewertung aller Nuanccn des In-strumentalklanges. die für die neuere Musik so charakteristisch wird. 1901 bekannte Debussy in einem Gesprädi mit Monsieur Croche" (Lä revue blanche) : „leb erinnere mich an den Vergleich, den er zwischen dem Orchester Beethovens und dem Wagners zog: Das eine stelle sich ihm als eine Schwarz-Weiß-Zeichnung dar mit einer Skala ausgesuchter Grautöne, das andere als eine Art bunten, fast gleichmäßig aufgetragenen Farbkitts, in dem - so sagte er - der Klang einer Geige von dem einer Posaune nicht mehr zu unterscheiden sei".
Debussy hatte sein Vorbild auf graphischem Gebiet, den amerikanischen Maler James Whistler (1834-1903), entweder im Salon Mallarmés oder bei Bailly. dem Besitzer der Buchhandlung „L'art indépendant" kennengelernt. Whistler, im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf der Höhe seines Ruhmes, hatte 1890 in Paris eine eigene Akademie gegründet. Die brillanten Kompositionen des kühlen Farbtechnikers galten seinerzeit als besonders elegant und modisch, seinen Sinn für die Anmut einer Arabeske - er beeinflußte nachhaltig den Illustrator des Jugendstils Aubry Beardsley (1874-1898) - verband er mit ausgesuditer Rafi-nesse in der Wahl der Farben. Er liebte es, seinen Bildern Untertitel bezüglich der Farbwirkungen zu geben; so ist ein Porträt Miß Cecily Alexander außerdem Harmonie in Grau und Grün bezeichnet. Debussy kannte Whistlers Nocturnes als Harmonien in Blau und Silber.
Der Komponist hatte bereits einem seiner Freunde, Paul Poujaud, gegenüber akustisdie und optische Erlebnisse erwähnt, die direkte Anregungen zur Komposition der Nocturnes gegeben hätten: Wolken im Gewittersturm über der Seine und die Sirene eines Dampfschiffes (Englisch^Hornl) für Nuages und Volksbelustigungen mit dem Aufzug der Garde der Republik im Bois de Boulogne (Fetes). Für das Programm der Uraufführung beschrieb er seine Absichten: „Das Wort Nocturnes ist hier in einem allgemeinen und dekorativen Sinn zu verstehen. Es handelt sich also nicht um die übliche Form des Nocturne, sondern um alles, was dieser Begriff an Impressionen und Lichterspiel erwecken kann. Nuages: Das ist der Anblick des unbeweglichen Himmels, über den langsam und melancholisch die Wolken ziehen und in einem Grau ersterben, in das sich z^rte weiße Töne mischen. Fetes: Das ist der tanzende Rhythmus der Atmosphäre, ')on grellen Lichtbündeln für Augenblicke erbellt; ein Aufzug fantastischer Gestalten nähert sich dem Fest und verliert sich in ihm. Der Hintergrund bleibt stets der gleiche: Das Fest mit seinem Gewirr von Musik und Lichtern, die in einem kosmischen Rhythmus tanzen. Sirenes : das,ist das Meer und seine unerschöpfliche Bewegung; über die Wellen, auf denen das Mondlicht flimmert, tönt der geheimnisvolle Gesang der Sirenen, lachend und in der Unendlichkeit verhallend".
Leipzig, im Januar 1977
Max Pommer