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Geleitwort von Georg Hüssler
Was ist in der sechsunddreißigjährigen Schwester, einer begabten, erfolgreichen und beliebten Pädagogin, vorgegangen, als sie 1946 auf der Eisenbahnfahrt nach Darjeeling plötzlich davon überzeugt war, sie müsse alles Bisherige aufgeben? Sie müsse den geordneten Schulbereich in Kalkutta verlassen und in die Slums mit der Unermeßlichkeit ihrer Not gehen? Die Slums von Kalkutta! Sie hatte in der Schule wohl Kinder von dort und war auch schon bei deren Eltern zu Besuch gewesen. Sie hatte keine Illusion, sie wußte von der Häßlichkeit, der Angst und der Verzweiflung, die dort herrschten. Und gerade dorthin, so war ihr jetzt klar, dorthin mußte sie gehen und dort bleiben, um ganz für die Menschen dazusein, für die es aus diesem namenlosen Elend keinen Ausweg gab.
Was sie dahin drängte, war eine Art „zweiter Berufung". Eine innere Stimme hatte zu ihr gesprochen. Auf diese hat sie gehört. Das Gehörte hat sie vorgetragen und ihrerseits Gehör gefunden. Die Ordensoberen haben den Ernst ihres Vorhabens bald eingesehen und ihr den Schritt ermöglicht. Dadurch erst hatte sie die nötige Sicherheit, um sich in ein solches Abenteuer einzulassen. Jeder, der heute mit Mutter Teresa spricht, spürt sofort, daß sie von einer großen Gelassenheit getragen ist. Die Ruhe, die von ihr ausgeht und die jeden berührt, der ihr begegnet, ist eines ihrer Geheimnisse.
Noch mehr sagt uns der Weg von Mutter Teresa: ihre Berufung ist nicht ein einmaliger großer Schritt in einer Sternstunde ihres Lebens; ihre Berufung ist tägliche Nachfolge Christi, das Kreuz auf dem Rücken, alles Trauern und Leiden mittragend, aber auf dem Untergrund einer tiefen Freude, die immer wieder in einem Lächeln bei ihr durchbricht. So kann sie den verlassenen alten Menschen, den Familien ohne Zukunft, den Leprösen und den Sterbenden das Wichtigste bringen: Hoffnung.
Mutter Teresas Werdegang, ihre innere Konsequenz und ihr Gehorsam haben dazu geführt, daß viele sie eine Prophetin der Nächstenliebe nennen. Und das ist sie in hervorragender Weise. Aber sie ist noch mehr als das: sie hat Werke geschaffen, in denen die Verlassenen Geborgenheit und die Hoffnungslosen eine Zukunft finden. Werke, von denen sich aber auch viele Menschen zur Mitwirkung angezogen fühlen, wie von einer Botschaft: Frauen, Männer, junge Menschen. Eine Bewegung ist entstanden, die, von Indien ausgehend, die Ärmsten der Armen zum Ziele hat. So begegnen sich in Mutter Teresa Charisma und Institution in dynamischer Ausgewogenheit. Hier ist wohl die Lösung des Geheimnisses zu suchen, welches ermöglicht, daß sich ihre Gründungen, belebt durch ihre liebenswerte Persönlichkeit, über die ganze Welt ausbreiten, um überall, ungeachtet aller Unterschiede der Kasten und Nationen, Kulturen und Religionen, Zeugnis zu geben von der Liebe Christi. Diese gute Nachricht ist das Leitmotiv dieses Buches.