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VERINNERLICHUNG UND NATIONALISMUS
Chopin, Schumann und Mendelssohn
Wie wir im ersten Band von >Musik und Gesellschait< gesehen haben, war die Sonatenform das Ergebnis eines schöpferischen Ideals. Da die Sonatenform in sich einen Konflikt begreift, ist in ihr damit zugleich die Grundkonzeption einer mit einem klar bestimmbaren Tonalitätsschema verbundenen Ordnung enthalten.
Im ganzen Schaffen Haydns, Mozarts und Beethovens verschärfte sich der Zwiespalt zwischen individueller Leidenschaft und den übernommenen Regeln immer mehr, bis schließlich die alte Auffassung von Tonalität und Ordnung durch die Kraft des persönlichen Willens zerstört wurde und in Wagners Opern eine neue Mythologie aus der Traumwelt des Individuums entstand. An der Wende zum 19. Jahrhundert lag jene ungeheure Vergöttlichung des Ich jedoch noch in weiter Feme. In der Instrumentalmusik um 1820 war es vielmehr üblich, die Sonatenform durch kleine Formen, den Ausdruck flüchtiger Launen und modischer Späße, zu verdrängen. Diese vertrauliche Einstellung zu den Gefühlen des einzelnen hing besonders mit der Entwicklung des Klaviers zusammen.
Wir nahmen bereits im ersten Band zu einigen der Gründe Stellung, die das Klavier für Schubert zum idealen Ausdrucksmittel sowohl poetischer Träumereien als auch dramatischer Lieder machten. Als Soloinstrument hatte das Klavier den Vorteil, daß die Fülle seiner orchestralen Klangmöglichkeiten unter Kontrolle von Kopf und Hand eines einzelnen blieb, und diese Kontrolle übte nahezu immer der Komponist selber aus. Das Klavier bot sich willig dem harmonischen Experiment, in dem ja der romantische Kult des persönlichen Fühlens stärker Ausdruck fand als in den Techniken des melodischen Wachstums und des Kontrapunktes. In diesem Zusammenhang ist es von mehr als nur biographischem Interesse, daß Wagner immer am Klavier komponierte, während Berlioz noch nicht einmal Klavier spielen konnte. Selbst die reine Virtuosität, suggeriert von der Fingerfertigkeit der Komponisten-Pianisten, stellt eine Form der Enthüllung persönlichen Fühlens dar. Der Künstler zieht sich in die Welt seiner eigenen Gefühle zurück und betont durch die Demonstration seiner magischen Kräfte nachdrücklich den Unterschied zwischen sich und der Masse.
Auflösungserscheinungen innerhalb der Sonatenform treten bereits bei den Sonaten von Muzio Clementi (1752—iS^z) auf.