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Grausamer Mai
Immer wenn ich mir einen neuen Hut kaufe, geschieht etwas Unangenehmes. Vor zwei Jahren verlor ich meinen Füllfederhalter, und jetzt habe ich meinen Verlobten verloren.
Ich hatte mir in Knightsbridge einen neuen Hut gekauft. Natürlich bei Harrods. Man kennt uns dort. Wenn einer von uns auftaucht, kommt Miß Tyler persönlich zur Begrüßung herbei. Sie bedient durchaus nicht jeden, der sich bei Harrods einen Hut kaufen will. »Es tut mir leid, ich bin gerade beschäftigt«, sagt Miß Tyler zu den Damen, die sie nicht mag oder nicht kennt. Dabei sieht ein Blinder mit Sonnenbrille, daß Miß Tyler durchaus nicht beschäftigt ist -außer etwa mit ihren Gedanken, die sich hauptsächlich um ihre Katze Cleopatra drehen. Wer sich nicht nach Cleopatra erkundigt, der hat bei Miß Tyler verspielt.
Ich muß an jenem Tag Cleopatras Existenz vergessen haben, denn Miß Tyler revanchierte sich mit dem komischen grünen Hut. Ich wollte ihn nicht kaufen. »Ganz das Richtige für Sie, Miß Bonnard«, sagte Miß Tyler in jenem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Man könnte mit demselben Erfolg versuchen, der Steuerbehörde zu widersprechen . . . Nachdem Miß Tyler ihr Urteil verkündet hatte, erkundigte sie sich mit christlicher Nächstenliebe nach Madam, obwohl ich nicht nach ihrer Katze gefragt hatte. Es geht Madam immer großartig, wahrscheinlich weil sie sich nicht für ihre Gesundheit interessiert. Madam ist meine Großtante Bonnard und regiert unser Hotel in London N. W. 3. - Sie wird uns alle überleben und hat die irische Freude an Menschenansammlungen, die sie im Bonnard ausgiebig befriedigen kann. Unsere Dauergäste kommen mit allem zu Madam - mit ihren Familien, Klagen, Erbschaftsaffären, Sorgen und Späßen. — Madam bringt zwar manchmal die Biographien durcheinander, aber wenn sie die Leute ansieht, wird es warm im Zimmer — obwohl es bei uns genauso durch die Fenster zieht wie in jedem besseren Hotel in London. Im Bonnard in Zürich würden die Gäste in den See springen oder Doppelfenster verlangen. Sie würden sie wahrscheinlich auch bekommen, obwohl Dominik Bonnard seine Franken zusammenhält . . . Bei uns verlangt niemand Doppelfenster — das tun nicht einmal unsere Gäste vom Kontinent. Sie wissen, daß in London alles anders ist . . . Sie finden selbst an unseren Menüs nichts auszusetzen,