Bővebb ismertető
Über dieses Buch Als Luise Rinsers Román >Mitte des Lebens< zum ersten Mai erschien, schrieb die >VJeltwoche< in Zürich: »Dieser Román, eine Liebesgeschichte teils in Tagebuch-form, teils direkt erzcih.lt, ist wahrscheinlich das ausge-formteste und reichste Buch, das die deutsche Literatur heute besitzt. Es schildert die erfüllungslose Liebe eines um zwanzig Jahre alteren Mannes, Dr. Stein, Professor der Medizin, zu der jungen Studentin Nina Buschmann, die im Lauf der Handlung zur Frau heranwachst. . . Das Buch ist viel mehr als eine blofle Liebesgeschichte, es ist die Summe der Lebens- und Kunsterfahrungen einer Dichterin, die ihre Zeit durchlitten und durch-fochten hat, um sie nun zu sublimieren. Kindheit und Tod, Leidenschaft und Leere des Herzens, Künstlertum und Abstraktion, das ganze Leben Schillert reich und vielfaltig aus seinen Seiten.«
S chwestern wissen voneinander entweder alles oder gar nichts. Ich wuíste von meiner Schwester Nina bis vor kurzem nichts. Sie ist zwölf Jahre jünger als ich, und sie war, als ich heiratete, ein unfreundliches, mageres Geschöpf von zehn Jahren, mit strup-pigen Zöpfen und unzáhligen Schrammen an Armen und Beinen, das, stumm und blafi vor Zorn, auf meinen Brautschleier spuckte, als die Eltern es zwingen wollten, ihn bei meiner Hochzeit auf Pagenart zu tragen. Spáter wurde Nina ansehnlicher, doch nie hübsch und liebenswürdig. Ich habe mich nie um sie gekümmert, nachdem sie mir mehrmals erklárt hatte, ich sollte sie gefálligst in Ruhe lassen. Als ich mit mernem Mann ins Ausland ging, ver-lor ich sie ganz und gar aus den Augen. Trotzdem erkannte ich sie sofort, als ich sie im vergangenen Jahr höchst unvermutet an einem Ort traf, an dem ich sie nie gesucht hátte: in der Bar des Hotels Römerbad in Badenweiler.
Sie hatte sich erstaunlich verándert. Hübsch war sie noch immer nicht, aber sie war reizvoll geworden. Freilich hatte sie noch immer etwas Unzivilisiertes an sich; man konnte nicht recht sehen, woran es lag, denn sie war sehr gut und teuer angezogen, sie hatte eine moderne Frisur, von der ihr ein paar dunkle wellige Stráhnen in die Stirn hingen, und ihre Lippen waren rot gemalt. Sie sah gar nicht auffallend aus. Trotzdem schauten alle Mánner nach ihr, auch mein eigener, der sie nicht mehr erkannte; ich verriet sie ihm nicht. Ich weifi nicht, warum ich nicht augen-blicklich mit ihr sprach. Vielleicht, weil sie so ganz versunken und abweisend dasafi, alléin an einem Tischchen, eine Zeitung in der Hand. Einmal sprach ein Mann sie an, aber sie gab ihm nicht einmal Antwort. Wenn jemand zur Tür hereinkam, blickte sie kurz auf, dann starrte sie, von einem zum andern Mai finsterer, wieder in ihre Zeitung. Es war aber immer dieselbe Seite, die sie ansah, stundenlang. Sie trank Whisky pur. Ich záhlte fünf Gláser. Wieviel und was sie vorher getrunken hatte, weifí ich nicht. Als sie auf stand, um fortzugehen, hatte ich Angst, sie könnte schwan-ken. Aber sie schien völlig nüchtern zu sein. Sie sah ziemlich jung aus, fast wie ein Mádchen, obwohl sie schon siebenund-dreifiig war. Ich folgte ihr. Nina, rief ich, bist du es wirklich?
Sie muGte sich eine Weile besinnen, bis sie mich erkannte. Sie
zeigte wenig Überraschung.
Wieder in Deutschland? fragte sie trocken.