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MICHELANGELO
SEIN LEBEN UND SEINE KUNST
)as trübe Wasser klärt sich, und am Boden funkelt ein Edelstein von prachtvoller Klarheit, gleich einem scharfgeschliffenen Diamant strahlend in glänzendsten Brechungen und Reflexen. Das Sturmgebraus der Frührenaissance ist vorüber, der Geist Toskanas hat sich kristallisiert, und dieser Kristall heißt: Michelangelo. In ihm formte sich die Seele einer Zeit, eines Geschlechts, eines Landes zu schöpferischer Künstlergestalt, und in seinen Werken haben die stärksten Empfindungen der Volksseele Italiens Form und Ausdruck gefunden. Der Plastik, dieser idealen Kunstsprache der heißblütigen Südländer, der Romanen, hat er zu höchsten Worten die Zunge gelöst. Ein andres Land, eine andre Zeit, ein andres Geschlecht — es war weitab im Norden, da klärte es sich auch einmal, und am Boden schillerte ein andrer Edelstein. Es war eine wundersam glühende Perle, nicht klar, nicht durchsichtig, nicht scharfe Brechungen gebend, sondern in sich gehüllt voller phantastischer Tönungen. Es war Rembrandt, der Genius der Malerei und zugleich der künstlerische Idealtypus der Germanen.
Michelangelo und Rembrandt! Nicht allein, weil sie in ihrer Kunst die vollendete Formel für den Geist ihres Volkes gefunden haben, sondern mehr noch wegen der wunderbar zwingenden Gewalt ihrer Persönlichkeit voll innerer Leidenschaftlichkeit, sind sie uns die beiden Sonnen am Firmament der bildenden Kunst, neben denen selbst Geister wie Leonardo, Raffael, Dürer erbleichen. Die Kunst ist ihnen Religion. Flammende Begeisterung und hoher Opfermut lassen die grausame Orthodoxie, mit der sie, die Glaubenssätze nur ihrer Kunst anerkennend, gewaltsam alles andre zurückweisen, vergessen. Ja, wir bewundern die Zielbewußtheit ihrer Energie, die uns als tiefe innere Notwendigkeit erscheint. Selbst der widerstrebendste Geist muß sich vor ihren Werken zu dem gleichen Glauben bekehren. So haben denn all die nachfolgenden Geschlechter ihnen beiden ihren Tribut gebracht. Gerade Michelangelos Größe will uns in neuem Glänze erstrahlen. Er erscheint uns doppelt bewunderungswürdig in der ganzen Klarheit und Bestimmtheit, mit der er uns seinen künstlerischen Willen aufdrängt, und in der Offenheit, mit der er unverhüllt seine inneren Leidenschaften und Stimmungen hervorbrechen läßt. Bei ihm ist alles Empfindung, alles Ausdruck.;
Eines ist von Anfang an sicher: in den Adern dieses Michelangelo floß reinstes Etruskerblut. Nichts erscheint unwahrer als die Legende seiner Abstammung von dem ghibellinischen Adelsgeschlechte der Grafen von Canossa, deren Stammutter Beatrice, die Schwester Kaiser Heinrichs IL, war. Zwar glaubte Michelangelo selbst daran und
Michelangelo II IX