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Auf der Suche nach der reinen Farbe I 1869-1905
Henri Matisse war nicht zum Maler bestimmt, sondern, wie er sagte, »Sohn eines Samenhändlers, dem ich im Geschäft nachfolgen sollte«. Frühreif oder gar ein Wunderkind wie Pablo Picasso ist Matisse nicht gewesen. Er hat eher langsam aus seiner Begeisterung für Farbe, Licht und Raum kontinuierlich und in unvergleichlicher Harmonie sein Lebenswerk entwickelt.
Matisse kam am 31. Dezember 1869 in Le Cateau-Cambrésis im Nordosten Frankreichs zur Welt. Seine Eltern, Emile Matisse und Héloise Matisse, geborene Gérard, die beide aus Le Cateau stammten, wohnten in Bohain, wo sie eine Art Lebensmittelgeschäft betrieben, dem eine Samen- und eine Farbenabteilung angeschlossen waren. Der Vater kümmerte sich um die Samen und die Mutter um die Farben. Die väterliche Autorität war so stark, daß es für den Sohn selbstverständlich war, dem Familienoberhaupt einmal im Geschäft nachzufolgen; doch seine zarte Gesundheit vereitelte solche Pläne. Nach humanistischen Studien am Henri-Martin-Gymnasium von Saint-Quentin (1882-1887) und einem zweijährigen Jurastudium in Paris, wo er auch an eine Apothekerlauibahn dachte, wurde der junge Henri 1889 Anwaltsgehilfe in Saint-Quentin.
Die völlig unerwartete Beruflang zur Malerei gehört wohl eher in den Bereich des Anekdotischen. Um den jungen Matisse während einer Blinddarmentzündung, die ihn 1890 fast ein Jahr lang ans Bett fesselte, zu zerstreuen, schenkte ihm seme Mutter einen Malkasten. Ein ausgeprägtes Interesse muß aber schon vorhanden gewesen sein. Während seiner Zeit im Anwaltsbüro besuchte er den Zeichenkurs der Stiftung Quentin de La Tbur, der für die Gardinenmusterzeichner bestimmt war und von sieben bis acht Uhr morgens im Dachgeschoß des Palais de Fervaques stattfand.
Nachdem er sich endgültig fiir die Malerei entschieden hatte, kehrte er 1890 oder spätestens Anfang 1891 nach Paris zurück, um sich auf der Académie Julian in der Klasse des Salonmalers William Bougereau flir die Aufnahmeprüfung an der Ecole des Beaux-Arts vorzubereiten. Er wurde im Januar 1892 von Bougereau vorgeschlagen, scheiterte aber an der Prüfung. Kurz nach seiner Ankunft in Paris besuchte Matisse auch die Kunstgewerbeschule (Ecole des
»Ich bemühe mich darum, eine Kunst zu schaffen, die Rir jeden Beschauer verständlich ist.« HENRI MATISSE
Männlicher Akt: Der »Knecht«, 1900 Öl auf Leinwand, 99,3 x 72,7 cm New Yorl<, Museum of Modern Art