Bővebb ismertető
Marokko -Seele undVergangenheit
Längst versiegte Meere haben der in der Hitze des Tages gleißenden Wüste unvergängliche Spuren aufgeprägt. Überall Erinnerungszeichen des Wassers: im Gewebe des Staubes, in den Wellen des Sandes, den versteinerten Formen von Muscheln. Wie flüssiges Metall kräuselt sich der Horizont, wenn es Mittag wird: fruchtloses Mahnmal des toten Ozeans. Die Steine bersten, zerbröckeln zu Sand, die Dünen flimmern im einfallenden Licht. Der Himmel nichts als fahler Dunst. Schmucklos fließende Landschaft, im Traum nur erreichbar. Und doch schlummern in ihr die Keime der Zukunft, Kinder des Sands und der Winde.
Im Windschatten einer Düne duckt sich, zerschHssen und schmutzig, das wollene Zelt. Dennoch: Der heiße Wind zerrt an den Pflöcken, das Zeltdach knattert. Lederschläuche, gefüllt mit Butter und saurer Milch, hängen an der Wand. Auf verschlissenem Teppich kauernd, schlürfen die Nomaden ihren heißen, stark gesüßten Tee. Eine Frau, das Profil wie ein Sperber, geschmückt mit Bernstein und Glasperlen, gibt ihrem Kind die Brust. Ein Mann stochert mit den Zehen im Sand, rülpst und spuckt geräuschvoll aus. Draußen, festgebunden, die Kamele, die Augen mit Fliegen übersät.
Das Zelt ist den Nomaden von jeher Schutz und Schirm, ihr leidenschaftliches und stolzes Ja zum Leben. Dagegen sind hochragende Minarette, schimmernde Moscheen, Paläste, Gärten und Fontänen nichts als Trugbilder im Strom der Zeit. Schon ist die Pracht von einst dahin. Die Zelte aber sind gebheben. Seit Jahrtausenden sichert die gleiche dornige Umzäunung den Fortbestand der Familie, prasselt das gleiche Feuer zwischen den drei großen Steinen der Kochstätte. Das Nomadenzelt ist das Herz der Wüste, die Wiege königlicher Geschlechter: höchste Auszeichnung für den, der unter seinem Dach geboren. «Herrscher des Islams», so lautete einst der Titel der Sultane. Nirgends sonst als in der Wüste hätte die muselmanische Religion mit ihrer Strenge, ihrer unmenschlichen Poesie entstehen können.