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Nennt mich nicht einen Phantasten. Im Gcgenteil, ich bin Reálist. Ich liebe die Erde. Marc Chagall, Mein Leben Poesie heiBt das zweite, spátestens dritte Wort, wenn üblicherweise, zu Chagalls öffentlichem Lob oder doch gutwilliger Verteidigung, das >NeueBesonderePositive< seines Werkes zur Erörterung steht. Poetisch aber im Sinne von schöpferisch und erfindungsreich ist jedes bedeutende Kunstwerk, auf seine Art; poetisch hingegen als stimmungsvolle Gehobenheit, als sentimentale Idyllik ist alléin der Goldschnitt und Plüsch des 19....
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Nennt mich nicht einen Phantasten. Im Gcgenteil, ich bin Reálist. Ich liebe die Erde. Marc Chagall, Mein Leben Poesie heiBt das zweite, spátestens dritte Wort, wenn üblicherweise, zu Chagalls öffentlichem Lob oder doch gutwilliger Verteidigung, das >Neue<, >Besondere<, >Positive< seines Werkes zur Erörterung steht. Poetisch aber im Sinne von schöpferisch und erfindungsreich ist jedes bedeutende Kunstwerk, auf seine Art; poetisch hingegen als stimmungsvolle Gehobenheit, als sentimentale Idyllik ist alléin der Goldschnitt und Plüsch des 19. Jahrhunderts. Das spezifisch Poetischc indessen im Werk von Chagall prásentiert sich uns als der weltfreudig ausschweifende Volkston, dic artistisch saltoschlagende Naivitát, als das unerschrocken wörtlich redende Bekcnnerpathos seiner Bildsprache. Diese freilich existiert nur als die Form ihres Inhalts; und hier, aus dem Zentrum des Werkes her, bewegt den treuherzig anschauendcn Betrachter jene Faszination, um die sich der Maler schon früh, spátestens wohl im Vorkriegs-Paris des Jahres 1910, mit Vorsatz bemühte: Ich war noch sehr jung und stellte mir dic Kunst nicht als Beruf oder Gescháft vor. Bilder schicnen mir nicht nur dazu da, als Zimmerschmuck zu dienen. Ich sagte mir: >Kunst ist so etwas wie eine Mission - fürchte dich nicht vor diesem altén Wort< . . . Viclleicht dachte ich an eine Art >Weltsicht<, eine Anschauung jenseits des Gegenstandes und jenseits des Auges. Die Botschaft alsó einer noch unerschlossenen Weltansicht - worauf wollte sie hinaus? Marc Chagall, geboren 1887 in Witebsk an der Düna (Provinzhauptstadt, Kleinindustrie, FluBhafen), Áltester unter neun Geschwistern, Sohn eines schlichten, von harter Arbeit früh erschöpften Handlangers im Heringshandel, Enkel eines achtbaren Religionslehrers, Vorstehers cincr jüdischcn Elementarschule, als Knabe ein Tráumer, verletzlich und scheu, als Mann cin namhafter Maler seiner Gcncration, im Altér ein GroBmeistcr der Jahrhundertmitte, Chagall erinnert sich (in der um 1921/22 komponierten Rückschau Mcin Leben) des festlichweihevollen Passah-Rituals seiner Kindheit: Ostern! Weder das Osterbrot noch der Rettich, nichts ergreift mich so sehr wie dic Haggada*, ihre Linien, ihre Bilder, und der rote Wein in den vollcn Glásern. Ich hatte allc Gláser leeren mögen. - Unmöglich. - Manchmal schicn mir der Wein in Papas Glas noch viel roter. - Er strahlte einen Widerschein von dunklcm, königlichem Lila aus, vom >Ghctto<, das dem jüdischcn Volke zugewiesen ward, und von der Gluthitzc der arabischcn Wüste, dic es unter soviel Mühcn durchquerte. - Und wie ángstigt mich das Licht, das nachts von der Hángelampe herab* Dic nichtgesetzlichcn Tcxtc des Talmuds; hier dic Haggada von Pessacli mit dem Bcricht vom Auszug Isracls aus Ágypten. fállt! - Es schicn mir, als sáhe ich Zelte auf dem Sand; Juden, nackt unter der brennenden Sonne, in lebhaftem Disput über uns, unsere Existenz: Mosc und Gott. - Mein Vater hebt sein Glas und sagt, ich solle die Tür öffnen. - Zu so spáter Stunde die Tiir öffnen, die Tür nach drauBen, um den Propheten Elia hereinzulassen? - Eine Garbe von weiBen Sterncn, silbern auf dem blausamtenen Grundé des Himmcls, dringt mir in dic Augen, ins Herz. - Doch wo ist Elia und sein wciBer Wagen? - Vielleicht steht cr noch im Hof und wird glcich in Gcstalt eines schwáchlichen Altén, eines gebeugten Bettlcrs ins Haus treten, mit einem Sack auc dem Riicken und einem Stock in der Hand? - >Hier bin ich. Wo ist mein Glas Wein?< Das absichtsvoll Schwebende, Doppelbödige dieser schriftstellcrischen Reproduktion eines unbestimnibar frühen Erlebnisses offeriert uns in gediegener Klarheit, dabei durchglánzt von empfindungsschwerer Farbigkeit, die wesentlichen Elcmente der Kunst Chagalls. Da ist zunáchst, als bildnerische Grundsubstanz, das Jüdisch-Archaische: Chagalls Gebundcnheit an das traditionstráchtige Schicksal des Volkes Israel - es ist die lebendige Realitát des eigenen Geschicks; wáhrend seiner ganzen Jugcnd unterliegt Chagall als Jude den drakonisch antisemitischen Gesetzesparagraphen des zaristischen RuBlands (.. . als ob irgendwelchc blutigen Pogromángste seine Kindheit vergiftet hátten, bemerkt Jákob Tugendhold in der Moskauer Chagall-Monographie von 1918). Da ist weiter der Umkreis des Elternhauses: die traumhaft selbstverstándliche Geborgenheit innerhalb der Familie, durchströmt von kindhaft-wediselnden Empfindungen (Nur in der Enkláve des Stedtls, dessen Lebenswirklichkcit seit Jahrhunderten von jiidischem Gcist und jüdischer Sitté gepragt worden ist, war die Welt nicht feindlich und fremd, und sogar die Natúr in ihrer Unheimlichkeit rückte da in versöhnliche Náhe - Franz Meyer). Da ist der Kreis der Natúr: das vertraute, weitgehend personalisierte Einverstándnis mit Sternen, Himmel, Hcimat, Welt (Chagall: Das sind meine Sterne, die sanften: sie beglciten mich zur Schule und warten auf mich, auf der StraBe, bis ich wiederkomme . . .). Da ist das einfache Volk: irgendein Altér, irgendein Bettler (Ganz Israel ist ein Bettler, hieB es beiláufig und voll ironischen Hintersinns bei dem Ahnherrn der jiddischen Literatur, Mendele Mocher Sfurim, der 1869 schon im Román Fischke der Krumme das lebcnsprallc Panorama russisch-jüdischer Bettlerschicksale und Bettlerwissenschaft gezeichnct hatte). Und da ist vor allém der plötzliche Umschlag vom Wirklidien ins Wunderbarc: die bevorstehende, rituell erwartctc Ankunft des legendáren Propheten (worin gewiB auch der ursprüngliche EinfluB volksfrommchassidischer Gefühlserweckung und Erleuchtungslust nachlebt, die freilich der junge Chagall zu bewuBtcr Allcmpfindung steigert: Eine neue Welt will ich sehen). Es zeigt sich hier: das Legendár-Überlieferte tritt als eine neuartige, dabei völlig gleichberechtigtc Dirnen-

Termékadatok

Cím: Marc Chagall [antikvár]
Szerző: Fritz Erpel
Kiadó: Henschelverlag Kunst und Gesellschaft
Kötés: Varrott keménykötés
Méret: 240 mm x 270 mm
Fritz Erpel művei
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