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EDOUARD MANET, von dem man heute sagt, er habe für die französische Malerei dieselbe Bedeutung gehabt wie Tizian für die venezianische, Velasquez für die spanische und Frans Hals für die holländische Kunst, stand zu seinen Lebzeiten in so ausdrücklichem Gegensatz zum Zeitgeschmack, daß er bis an die Grenzen des ihm Erträglichen abgelehnt wurde. Zwar sahen die Impressionisten in ihm auf der ersten Gruppenausstellung im Jahre 1874 ihr geistiges Haupt, zwar verkehrte er viel in ihren Kreisen und gab wie sie die Umwelteindrücke mit unprätentiöser Direktheit wieder. (Gewöhnlich werden deshalb die impressionistischen Szenen des Pariser Lebens, die er in den siebziger Jahren geschaffen hat, als Höhepunkt seiner künstlerischen Leistungen angesehen.) Doch konnte er sich auch zu ihnen nicht ganz bekennen. Er weigerte sich beispielsweise beharrlich, seine Bilder mit ihnen zusammen auszustellen, und war verärgert, als man ihm einst versehenthch zu zwei von Monet gemalten Landschaften beglückwünschte. Bei genauerem Studium seines Lebens werden grundsätzliche Unterschiede zwischen ihm und den Impressionisten deutlich, und eine Untersuchung seines Werks läßt erkennen, daß seine wahre Bedeutung und Eigenart jenseits der impressionistischen Strömung zu suchen sind. Manet gibt mehr als eine Augenblicksspiegelung der Alltagswirklichkeit, und die verbreitete Ansicht, die Figurengemälde der siebziger Jahre seien die eigentliche Verwirkhchung seiner künstlerischen Möglichkeiten, dürfte eine grobe Vereinfachung sein. Viele Gemälde der sechziger Jahre sind nicht nur attraktiver für den Beschauer, sondern auch in jeder Hinsicht vollendeter und ideenreicher als die späteren Werke. Zweifelsohne war die Zeit zwischen 1865 und 1870 die bedeutsamste Schaffensperiode im Leben Manets; erst als das Gleichgewicht zwischen visuellem Erleben und intuitiver Formung eine Störung erfahren
hatte, ging der Künstler zu Bildkonzepten über, die dem Impressionismus näherstanden, und bediente sich zeitweise auch der impressionistischen Formensprache. Manets historische Situation war so unerfreulich, wie sie für einen Künstler seiner Denkungsart und seines Temperaments Mitte des 19. Jahrhunderts sein mußte. Sein Mißbehagen ist nur allzu begreiflich.
Das Hauptproblem bestand für den Künstler dieser Zeit darin, sich in einer Gesellschaft zu behaupten, deren Gefüge sich durch die sozialen Umschichtungen des heraufkommenden Industriezeitalters grundlegend verändert hatte. Das Künstlerdasein war in einer mehr und mehr städtischen Umwelt zunehmend schwieriger geworden, zumal der Adel als sachverständiger Mäzen ausfiel. Der neureichen Schicht der Bourgeoisie fehlte es an Tradition und geschmacklicher Schulung. Ihr Anspruch an die Kunst erschöpfte sich in dem Wunsch nach Erhöhung des neugewonnenen sozialen Status. Die fortschrittlicheren unter den Künstlern suchten sich der Situation anzupassen. In der Überzeugung, daß die Kunst ein Produkt der Gesellschaft zum Nutzen der Gesellschaft sei, deren positive Werte sie spiegele, glaubten sie, das gesellschaft-üche Niveau durch die Kunst heben zu können. Andere fanden einen Ausweg, indem sie die Zeitumstände ignorierten und sich nicht um die ihnen wertlos erscheinende öffentliche Meinung kümmerten. Sie flüchteten in eine Kunst, die nur an künstlerischen Problemen interessiert war und außerkünstlerische Maßstäbe für ihre Werke ablehnte. «L'art pour l'art» lautete die Formel ihrer Überzeugung. Keine der beiden Extremlösungen lag Manet. Einerseits drängte ihn sein künstlerischer Ehrgeiz zu «zeitgemäßen» Leistungen, andererseits geriet er, von ästhetischen Instinkten geleitet, in die Richtung auf das Exklusive und Revolutionäre.