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LEBEN UND WERK LEONARDOS
Das Bewusstsein des Lebens erwachte in Leonardo schon in den ersten Zeiten seines Daseins.
Der Liebe des Ser Piero da Vinci zu einer Cate-rina entsprossen, wurde er im Jahre 1452 zu An-chiano, einem Orte nächst dem Städtchen Vinci, auf einem Landgut geboren, das die Familie Ser Pieros, als die Mutter einen gewissen Acattabriga di Piero del Vacca heiratete, käuflich erwarb. Von der Mutter wissen wir nichts: nach dem Anonymus Gaddiano war sie «von gutem Blute»; nach einer Anmerkung im Codex Forster (II, 64 v.) und einer vielleicht um 1495 niedergeschriebenen Aufzeichnung über die «Ausgaben für die Beerdigung Ca-terinas» kann man vermuten, dass sie mit dem Sohn in Mailand gelebt habe und bei ihrem Tode von ihm betreut worden sei.
Zur Familie des Vaters zählte eine lange Reihe von Notaren: Leonardos Grossvater Antonio, Sohn des Ser Piero und Enkel des Ser Guido, lebte bis 1468 und war Jurist und Landwirt; zwei seiner Söhne waren Notare: Piero und Giovanni. Ser Piero, Leonardos Vater (1427—1504), nahm gleich nach der Geburt Leonardos Albiera di Giovanni Amadori zur Frau. Im Jahre 1457 wird in der Vermögenserklärung Antonios bereits Leonardo, fünf Jahre alt, «unehelich», unter den «Essern» des Hauses angeführt. Nebst ihm sind dort Antonio, damals schon 85 Jahre alt, Monna Lucia, dessen
Gattin, 64 Jahre alt, Ser Piero, 30 Jahre alt, und Donna Albiera, 21 Jahre alt, als Familienangehörige angegeben. Die ganze Familie lebte bescheiden.
Die erste Erziehung erhielt Leonardo von den braven Leuten seiner Umgebung, von der Grossmutter und der Stiefmutter. «In der ersten Erinnerung an meine Kindheit», wird Leonardo im Blatt 162 r des Codex Atlanticus schreiben, «schien es mir, als ob, während ich in der Wiege lag, ein Geier zu mir geflogen komme und mich mit seinem Schwanz viele Male in die Lippen schlage». Später wird er, indem er den Flug des Raubvogels verfolgt, um dessen Art und Gesetze zu beobachten, in dieser ersten Erinnerung die Vorahnung eines Teiles seiner Studien finden.
Aber der Hügel und das Schloss von Vinci, die Mühle, die Felder und alles, was die Menschen und Dinge ihm dort bieten konnten, wurden bald verlassen, als sich Ser Piero kurz nach dem Tode Antonios nach Florenz begab, wo er im Jahre 1469 im Kirchspiel von Sant' Apollinare ein Haus in der Via delle Prestanze (heute de' Gondi) mietete. Im Jahre 1471 ist Ser Piero Anwalt des Klosters der hl. Annunziata, im Jahre 1484 Notar der Signoria und der ersten Familien von Florenz, einschliesslich jener der Medici. Dass er zu den angesehensten seiner Berufsgenossen gehörte, kommt auch in einem Gedicht von Bernardo Cambi zum Ausdruck: