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VORWORT In der ersten Auflage seines Lexikons (1790/92) schreibt E. L. Gerber: „Wenn wir Joseph Haydn nennen, so denken wir uns einen unserer größten Männer; groß im Kleinen und noch größer im Großen; die Ehre unseres Zeitalters. Immer reich und unerschöpflich; allezeit neu und frappant; allezeit erhaben und groß, selbst wenn er zu lächeln scheint. Er hat unseren Instrumentalstücken, und namentlich den Quatros und Sinfo-' nien, eine Vollendung gegeben, die vor ihm unerhört Obgleich in der Folge das Schaffen Beethovens die einzigartige Bedeutung von Haydns Werk für lange Zeit aus dem Bewußtsein gerückt hat, so daß C. F. Zelter schon 1819 an Goethe aus Wien berichten mußte: „Beethoven ist bis an den Himmel erhoben, weil er es sich wirklich sauer werden läßt und weil er lebt; doch wer ihnen den nationalen Humor wie eine unvermischte Quelle, die keinen anderen Strom aufnimmt, vorüberführt, das ist Haydn, der in ihnen wohnt, weil er aus ihnen kommt. Sie scheinen ihn alle Tage zu vergessen und täglich lebt er in ihnen wieder auf", bleibt jene Würdigung Gerbers bis heute wahr, obschon unser Zeitalter sich mit dem seinen nicht mehr vergleichen läßt. Freilich gibt auch noch immer jene Feststellung von Brahms (1896 zu Heuberger) zu denken: „Die Leute verstehen von Haydn heute fast nichts mehr. Daß wir jetzt gerade in einer Zeit leben, wo — gerade hundert Jahre früher — Haydn unsere ganze Musik schuf, wo er eine Sinfonie um die andere in die Welt setzte, daran denkt niemand. Ich feiere seit Jahren diese Ereignisse! In einigen Jahren, wenn die ,Schöpfung' und die ,Jahreszeiten' hundert Jahre alt sein werden, wird man des Geschäftes wegen einige Feste veranstalten — an die vielen anderen Ereignisse wird niemand denken. Haydn . . . entwickelte sich in dieser Zeit ein zweites Mal zu so ungeheurer Größe, nachdem er früher die Welt gesehen und so viel geschaffen hatte." Noch ist nicht Allgemeingut, was der zu höchster Reife gelangte Casais einmal niedergeschrieben hat: „Einfachheit in der Ausdrucksform hat dem wahrhaft schöpferischen Künstler, der sehr wohl weiß, daß Originalität in erster Linie ein Naturgeschenk ist, noch nie geschadet. Ich kann wohl sagen, daß ich in meinem langen Leben viel Musik gehört habe. Nun, jedesmal, wenn ich Haydn höre, habe ich den Eindruck, ich entdecke etwas Neues. Wird sie so interpretiert, wie sie es verdient, ist wirklich große Musik reich genug, um den Charakter des .Neuen' zu behalten und in uns den Wunsch stärker werden zu lassen, sie immer wieder zu hören." — Sogar an dem Bestand von Klavierstücken, der an sich und im Verhältnis zu anderen Werkgruppen im Ouvre Haydns nicht sehr umfangreich ist, läßt sich die Eigenart seiner Leistung erkennen; deshalb haben wir die Stücke in unserem Band nicht chronologisch-linear zusammengestellt, sondern nach Gattungen aufgegliedert. Das eigentliche Klavierstück im modernen Sinn ist erst eine Schöpfung der Meister des 19. Jahrhunderts. Die Großmeister der Wiener. Klassik vertrauen, was sie dem Klavier zueignen, fast ausschließlich der Sonate an; wozu man freilich — besonders bei Haydn! — noch die „begleitete Klaviersonate" (die Klavierkammermusik) zu rechnen hat. Trotzdem gibt es aber auch aus dieser Epoche schon einzelne besonders bedeutende Stücke. Das
sind im Schaffen Haydns neben dem berühmten Andante con variazioni und den Variationen Ui,er die Hymne deren authentische Klavierfassung hier zum erstenmal mit dem zugehörigen Satz des Themas veröffentlicht wird, vor allem das Capriccio und die Fantasia. Das Capriccio stellt Haydns persönliche Auseinandersetzung mit dem einthematischen Rondo dar, das C. Ph. E. Bach geschaffen hatte; die Fantasia, zunächst von Haydn als „ganz neues Capriccio" bezeichnet, wandelt die Idee des Rondos auf einzigartige Weise ab. Hinzuzurechnen wäre noch jenes große Adagio G-Dur in seiner ursprünglichen Konzeption, das dann in das Klaviertrio Hob. XV/22 Aufnahme gefunden hat.
Diese Werke stehen allerdings nicht isoliert, sondern im Umkreis von anderen Schöpfungen, welche ebenfalls näherer Betrachtung wert sind. Das hat in unserem Fall noch eine für Haydn besonders charakteristische Ursache, weil keiner von den ganz Großen an den Spieler solch relativ bescheidene Anforderungen gestellt hat, wie er. Zwar wurde die geistige Kraft seines Werkes deshalb manchmal unterschätzt, dadurch hat es sich aber auch andererseits eine große Zahl aktiv musizierender Liebhaber gewonnen. Diesen zu dienen lag besonders auch in der Absicht der Herausgeber. Die aus diesem Grunde reichlich beigegebenen Fingersätze stammen in der Hauptsache von Gerschon Jarecki.
ZU DEN EINZELNEN WERKEN Capriccio G-Dur „Acht Sauschneider müssen seyn", Gerber überliefert in seinem Lexikon (Auflage 1812) den Aussprudi Haydns: „Wer mich gründlich kennt, muß finden, daß ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke, daß ich ihn fleißig studirt und verstanden habe. Auch erkenne ich nur ihn als mein Vorbild." Diese Beziehung der beiden Meister ist allerdings sehr verborgen, denn Haydn kopiert keinerlei Äußerlichkeit seines Vorbildes! So ist es auch im Fall unseres Capriccio, dem einzigen Stück, wo Haydn das spezifische Ph. E. Bach-Rondo, das sich aus einem einzigen Thema entfaltet, übernimmt, aber auf welch persönliche Weise! Das Volkslied, das er dem Aufbau der Haupt- und der Alternativsätze zugrundelegt, ist eines jener Lieder, die von Strophe zu Strophe je eine Person verlieren. Es beginnt (nach K. M. Klier, Zeitschrift Das deutsche Volkslied Jg. 34)