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Wir brauchen den Kitsch!
Gespräch mit einer Jugendliebe Von Gert Richter
Damals war ich 18 oder 19. Es ist also schon eine ganze Weile her — sozusagen schon historisches Ereignis, so daß ich nicht fürchten muß, mit der Veröffentlichung des nachfolgenden Gesprächs (es hat natürlich wirklich stattgefunden!) eine Indiskretion zu begehen; mir liegt daran, mit persön-ichem Bekennermut zur Beleuchtung des urewigen Phänomens »Kitsch« beizutragen — aus diesem Grunde wage ich diesen Vorgriff auf meine Memoiren! Ich, wie gesagt, war 18 oder 19, s i e war gleichen Alters; beide hatten wir das Abitur hinter uns, beide wollten wir studieren, beide trugen wir eine Brille, die ihr übrigens ganz entzückend stand (mir nicht ganz so gut). Der einzige Unterschied war, daß sie wesentlich strengere Lebensauffassungen hatte und wesentlich weniger zu Konzessionen bereit war als ich. Ich war toleranter, was mir in meinem späteren Berufsleben stets von großem Nutzen gewesen ist. Ihre entschiedene Strenge gab auch den Anlaß zu der Unterhaltung, die für ein Rendezvous zumindest etwas ungewöhnlich war. Sie fand statt
in einer milden Sommernacht auf einer einsamen Parkbank . . . Ich: Bitte! Sie: Nein!
Ich: Warum denn nichti! Du hast mich schließlich heute abend schon mehrmals — — —
Sic: Ja doch! Aber es kommt mir erst jetzt zu Bewußtsein, daß es kitschig ist. Ich: (sprachlos) Kitschig;! Sie: (sehr entschieden) Ja. Eine laue Sommernacht, zirpende Grillen, Vollmond, einsame Parkbank — und du willst mich küssen! Das ist Kitsch, wie er im Buche steht, Kitsch in höchster Potenz, also unser unwürdig! Wir sind zwei intelligente, geistig aufgeschlossene und verantwortungsbewußte junge Menschen; wir haben darum die Verpflichtung, unser — unser Verhältnis von aller Kitschigkeit, von aller Seelensoße freizuhalten. Bitte — Liebe ohne Kitsch, das muß doch möglich sein!
Ich: Schön! Also keinen Kuß, sondern einen Vortrag über Kitsch! Aber Liebling, das ist doch wirklich — — Sie: Siehst du! Wenn ich schon an diese