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Die Hungertücher in ihrer liturgie- und ideengeschichtlichen Bedeutung
Der Begriff ist als sprichwörtliche Redensart allen geläufig. »Am Hungertuch nagen« heißt so viel wie arm sein, Hunger leiden.
Die Hungertuch-Idee kennt dagegen kaum jemand. Sie entstammt einem fast tausendjährigen kirchlichen Brauch, mit einem solchen Tuch in der Fastenzeit den Altar sowie das Geschehen am Altar zu verhüllen.
Seit 1976 erleben die Hungertücher bundesweit, ja weltweit eine ungeahnte Renaissance - dank der Initiative des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor.
Wie kam es zur Entstehung der Hungertücher?
Die Altarverhüllung durch das sogenannte »velum templi« läßt sich um das Jahr 1000 nachweisen. Ein gestickter Vorhang wird bereits in der Lebensbeschreibung des Abtes Hartmod von Sankt Gallen um 895 erwähnt. Fastentücher finden sich dann in den Consuetudines von Sankt Vannes zu Verdun Ende des 10. Jahrhunderts (Rainer, S. 2). Aelfric von Winchester (t 1006) berichtet: »Ein Tuch wird zwischen Altar und Volk aufgezogen« (Braun, S. 149). In jedem
Jahr wurde seit dieser Zeit vielerorts das Fastenvelum am Aschermittwoch oder am Samstag vor dem ersten Fastensonntag aufgezogen. Am Mittwoch in der Karwoche wurde dann das Tuch während der Komplet beim Beten des Passionstextes: »et velum templi scissum est medium« - »und der Vorhang des Tempels riß mittendurch« wieder abgenommen bzw. fallengelassen. O. Rainer zitiert einen Sachsen, der das bevorstehende Ende des strengen Fastens so kommentiert: »Das Hungertuch ist gefallen.« Man kann sich diesen Brauch gut vorstellen; vielleicht war er untermalt von den Schlägen der klobigen Holzhämmer, die bis in die jüngste Vergangenheit hinein während der Fastenzeit die Altarglocken ersetzten (Rainer, S. 2).
Die Aufforderung, das Fastenvelum aufzuhängen, finden wir vor allem in den Liturgievorschriften jener Klöster, die sich der Reformbewegung von Cluny angeschlossen hatten. Das »velum quadragesimale«, wie das Fastentuch in der lateinischen Kirchensprache auch genannt wurde, fand über die Klosterkirchen auch allmählich Eingang in den Pfarrkirchen und erstreckte sich im 14. und 15. Jahrhundert über den cluniazensi-