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Ein schweres Erbe 1864-1885
Ein junger Mann schaut zaghaft in den Spiegel: virtuos gemaltes frühes Selbstbildnis eines großen Künstlers (Abb. links). Aus dem kostbaren, gleichwohl überflüssigen Inventar seines feudalen Elternhauses hat er zwischen sich und seinem Ebenbild »Barrikaden« errichtet. Sich selbst gesellt er hinzu, als sei er Bestandteil dieses Stillebens. Nur Rücken und Nacken sind vom Licht getroffen. Sein Gesicht hingegen taucht der jugendliche Maler in den Schatten, als wage er nicht, es dem Betrachter und sich selbst preiszugeben. Deutlich aber werden Selbstzweifel und Skepsis: Ist das Malen meine Berufung? Werde ich es schaffen? Was ist mit meinem Körper? Warum bin ich so sehr heimgesucht durch verkrüppelte Beine und ein immer häßlicher werdendes Gesicht, dessen rote, wulstige Lippen und dessen fliehendes Kinn nun ein noch spärlich sprießender Bart zu verdecken beginnt? Der dies mit einem Gemälde fragt, steht am Beginn eines unvergleichlichen Weges, der ihn auf einen Platz unter den Bedeutendsten der Kunstgeschichte führen wird: Henri de Toulouse-Lautrec ist im Begriff, vom behüteten Adelshaus in die zügellose Pariser Amüsierwelt aufzubrechen.
Die Grafen von Toulouse führen ihre Familie auf Karl den Großen zurück; einst mischten sie in exponierter Stellung bei den Kreuzzügen mit. Im 19. Jahrhundert allerdings war dieses Geschlecht kaum noch zeitgeschichtlich aktiv: Man lebte ungestört und in satten materiellen Verhältnissen auf diversen Besitzungen im Süden Frankreichs, betrieb Müßiggang und übte sich im Zeitvertreib der Reichen - etwa in der Jagd und Tierhaltung, im Festefeiern, im musischen Dilettieren. Um Teilungen und damit Minderungen des Besitzes zu vermeiden, heiratete man seit oltersher meist innerhalb der Verwandtschaft, woraus sich neben den angenehmen materiellen auch unschöne biologische Folgen ergeben konnten.
Als Graf Alphonse de Toulouse-Lautrec-Monfa am 9. Mai 1863 seine Kusine ersten Grades, die Gräfin Adele Tapié de Céleyran, heiratete, war dies wieder eine solch inzestuöse Verbindung - die Mütter beider Eheleute waren Schwestern. Auch der Bruder der Braut und die Schwester des Bräutigams wagten solch problematischen Bund und mußten mit einigen totgeborenen und geistig behinderten Kindern dafür zahlen, die in der Famitienkorrespondenz beherrscht-verniedlichend als »zart« oder »schwächlich« bezeichnet werden. Gröftn Adele schenkte am 24. Novem-
»Zu denken, daß ich nie gemalt hätte, wenn meine Beine nur etwas länger wären!«
TOULOUSE-LAUTREC
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Schulheftseite, um 1876-1878
Feder, 23 x 18 cm
Albi, Musée Toulouse-Lautrec
Selbstbildnis vor einem Spiegel, um 1880
Öl auf Karton, 40,3 x 32,4 cm Albi, Musée Toulouse-Lautrec