I. VERMASSUNG UND VEREINSAMUNG
i. Die Tröstungen LeBons
Will man einer Abhandlung über gesellschaftliche Fragen begeisterte Zustimmung und weite Verbreitung sichern, dann hat man sich schon seit geraumer Zeit nur an ein höchst einfaches imd im Grunde völlig paradoxes Rezept zu halten: Es gilt bloß der alle nur irgend erdenklichen üblen Eigenschaften imd Neigungen zuzuschreiben. Da werden Fabelwesen erfunden, die — so heiBt es — mit oder aus dem Rückerunark heraus in Bildern, tmd nicht in Begriffen, denken, die sich in einem...
I. VERMASSUNG UND VEREINSAMUNG
i. Die Tröstungen LeBons
Will man einer Abhandlung über gesellschaftliche Fragen begeisterte Zustimmung und weite Verbreitung sichern, dann hat man sich schon seit geraumer Zeit nur an ein höchst einfaches imd im Grunde völlig paradoxes Rezept zu halten: Es gilt bloß der alle nur irgend erdenklichen üblen Eigenschaften imd Neigungen zuzuschreiben. Da werden Fabelwesen erfunden, die — so heiBt es — mit oder aus dem Rückerunark heraus in Bildern, tmd nicht in Begriffen, denken, die sich in einem Dauerzustand der Wut befinden, die blind, diimm imd begierig sind, deren durchaus qualitätenlose GemeirJieit ganz außer Zweifel steht. Vergewaltigt zu werden, von Führern, Reklamechefs, Propagandisten und Sdiarlatanen, — so scheint es —, ist das Hauptanliegen ; und wo sie nicht vergewaltigt wird, möchte sie doch mit dem Angebot wertlosen Tands und banaler Oberflächlichkeit in einen apathischen Schlummer gewiegt werden. Auf diese Weise läßt sich noch des längeren fortfahren — ein-bis zweihundert Seiten lang —, wobei der geistvolle und um das Wohl der Menschheit so löblich besorgte Autor freilich nicht vergessen darf, die Auflösung der Kultur im Chaos der nachdrücklich zu betonen.
Nach der kurzen Feststellung, daß ich entschlossen bin, micK (lie-ses Rezepts — es sei in gerechter Anerkennung der Verdienste seines Urhebers das LnBoN-Rezept genannt — rücht zu bedienen, gilt es zunächst die Gründe ausfindig zu machen, warum die Verleumdung der Menschen in der Gruppe so viel Anklang findet.
Es wäre offenbar für keinen der nach Millionen zählenden Leser ürtega Y Gassets ^ oder LeBons verlockend, sich als Teil der Masse zu empfinden und damit für sich selbst deren Gewöhnlichkeit und Geistlosigkeit zu reservieren. Eine solche Auffordenmg verfinge nur in ganz besonders bußseligen Zeiten. Anders steht es schon darum, wenn man sich im gesunden Abscheu vor der Erbärmlidi-keit der Masse des Umstandes versichern könnte, selbst gewiß rddit zu dieser zu gehören. Es bedarf dazu eigentlich nur des Lobes, das rnan den Entlarvem der Masse spendet. Nunmehr ragt der einsichtige Leser, auch wenn gar keine weiteren Merkmale der Ausgezeichnetheit vorhanden sein sollten, weit heraus; er ist im eigenen Urteil beinahe schon ein , höchstwahrscheinlich ein Angehöriger der Elite. Ergibt sich weiterhin, daß die Masse sich nur von den simpelsten Phrasen impoiüeren läßt, während sie den Anders-
i Vd. rde Bd. lo, Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen. 12. lAofl, Hamburg 1961. (Anin. d. Red.)
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