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ALEXANDER DER GROSSE Den ganzen Sommer des Jahres 321 v. Chr. war die Prozession unterwegs, bewegte sich langsam von Babylon nach Westen. Entlang der Route strömten die Menschen herbei und bestaunten den Zug, erfüllt von Ehrfurcht und Trauer. Noch nie zuvor hatten sie eine áh nliche Prunkentfaltung erlebt. Der goldene Leichenwagen besaB die Form eines griechischen Tempels, mit girlandenumwundenen Saulén, einem juwelenbesetzten Baldachin sowie einem Glockengeláut, das sein Kommen ankündigte. Er wurde an vier Deichseln von 64 kraftigen Maultieren gezogen, deren Geschirre mit Edelsteinen verziert waren. Persische und makedonische Garderegimenter stellten das Ehrengeleit. Und auf dem Wagen, eingehüllt in eine Purpurdecke und überhauft mit duftenden Spezereien, befand sich der Sarkophag aus getriebenem Gold mit der einbalsamierten Leiche des Herrschers. Alexander der GroBe, der Gebieter über die Hálfte der damals bekannten Welt, war tot - bezwungen vom Fieber im Aiter von 33 Jahren. Man brachte seine sterblichen Überreste von Babylon in die Heimat zurück. Aber wo war seine Heimat? Alexander stammte aus Makedonien, einem báuerlichen Staat im Nordwesten der Ágáis, doch er hatte seit Beginn seines Eroberungszugs vor mehr als zehn Jahren keinen Fuft mehr auf den heimatlichen Boden gesetzt. In dieser Zeit hatte er zahllose Stádte gegründet, darunter nicht weniger als 16, die nach ihm benannt waren. Er hatte Persien, Afghanistan sowie einen Teil Indiens unterworfen und in jedem der eroberten Reiche eine einheimische Prinzessin zur Frau genommen. In Ágypten verehrte man ihn als Gottkönig. Er selbst, von griechischen Lehrern erzogen, betrachtete Athén als kulturellen Mittelpunkt der Welt, wenngleich es ihm in vieler Hinsicht reichlich dekadent erschien. Seine letzte Residenz war Babylon gewesen, wo man seinen Leichnam bis zur Fertigstellung des Wagens fast zwei Jahre lang aufgebahrt hatte. Welcher Ort alsó konnte ihn mit Recht für sich beanspruchen, diesen Mann, der sich überall zu Hause fühlte, der im wahrsten Sinn des Wortes ein Weltbürger war? Die Streitfrage um die königliche Ruhestátte entschied einer von Alexanders Generalen sehr pragmatisch. Ptolemaios, ein Jugendt'reund des Herrschers, der als Satrap in Ágypten regierte, marschierte mit einem Heer in Syrien ein und erwartete dort den Trauerzug, unter dem Vorwand, Alexander die letzte Éhre zu erweisen. Die Prozession hatte eigentlich Makedonien zum Ziel, aber Ptolemaios lenkte den Prunkwagen mit dem goldenen Sarkophag nach Ágypten um. Bald nahm in Alexandreia, das der Herrscher im Westen des Nildeltas gegründet hatte, ein Grabmal von unerhörter Pracht Gestalt an. Dort sollte der Tote jahrhundertelang ruhen, angebetet von Priestern, ein Anziehungspunkt für Pilger aus aller Welt. Julius Caesar besuchte die Heilige Gruft" im Jahre 48 v.Chr., ebenso Kaiser Augustus, der wie viele andere Römer einen Ring mit dem Abbild Alexanders trug. Die frühen Christen verliehen sogar Jesus die Züge des makedonischen Eroberers, glattrasiert, mit wallendem blondem Haar. Jahrhunderte spáter reihten ihn auch die Muslime in die