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Einleitung
Der Versuch, eine biblische Mythologie zu schreiben, ist gerechtfertigt, denn eine biblische Mythologie ist schon längst überfällig. Nur fromme Scheu wehrt sich vielleicht noch, die biblischen Mythen so zu sehen wie die Mythen der griechisch-römischen Geschichte. Aber jeder, der das europäische Kulturerbe fast zweier Jahrtausende verstehen will, wird an der Bibel nicht vorbeikommen, weil ihre Mythen wie alle antiken Mythen wesentliche Quellen der Weltkultur bis weit in die Neuzeit gewesen sind. Auch wenn die Bibel weiter aus dem Gesichtsfeld des Menschen schwinden wird, wird ihre geschichtliche Bedeutung nur deutlicher werden.
Die Notwendigkeit einer biblischen Mythologie wird durch den Zeitabstand zwischen Entstehen der Mythen und dem heutigen Leser begründet, denn dieser Zeitabstand versperrt den unmittelbaren Zugang zu ihrem Verständnis. Wie Homers Epen bleibt auch die Bibel heute ohne Erklärung unverständlich. Und selbst dem Gläubigen, für den die Bibel immer noch Offenbarung eines Gottes ist, bleibt der Umweg über den Kommentar nicht erspart. Kein unbefangener Leser der Bibel kann heute noch die biblische Verflechtung von Mythos, Geschichte und deren Deutung auflösen und zwischen dem ursprünglichen Mythos und seiner biblischen Interpretation unterscheiden, wobei die Erklärung dieser Interpretation — nämlich der Funktion, die in der Bibel dem Mythos zugeschrieben wird — die Aufgabe einer biblischen Theologie ist. Eine biblische Mythologie aber wird sich der Darstellung und Erklärung des Mythos selber zuwenden, der im Historischen liegenden, nichtwissenschaftlichen Vorstellungswelt von Kosmos, Mensch und Gesellschaft.
Die Bibel, seit fast zweitausend Jahren „Heilige Schriften" für Juden und Christen aller Denominationen enthaltend, hat eine lange Geschichte hinter sich, deren Anfang nicht mehr genau festzulegen ist. Denn die Geschichte der Völker, in der dies Buch seine heutige Gestalt gewonnen hat, kennt keinen feststehenden Anfang. Das liegt nicht zuletzt daran, daß diese kleinen Völker nur während einer kurzen Zeitspanne überhaupt aktiv in die politischen Ereignisse des Alten Orients eingreifen, während sie sonst ausschließlich das Streitobjekt ihrer Nachbarländer sind.
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