Bővebb ismertető
Ein Jahr nach dem Ende des zweiten Weltkriegs gab ich meine Gefangnisnotizen als Buch heraus. Das >Gefangnistagebuch< erschien als eines der ersten deutschen Bücher nach dem Kriege. Es war rasch vergriffen. Nach der zweiten Auflage wollte ich keine neue mehr. Es gab mehrere Gründe dafür. Der erste: ich hatte mittlerweile soviel gehört und gelesen von den Leiden derer, die in den Konzentrationslagern gewesen waren, dafi mir daneben meine eigenen Erfahrungen nicht erwahnenswert erschienen. Der zweite: ich war 1947 vom >Sonder-Ministerium für Entnazifizierung< in Wiirttemberg eingeladen worden, im Láger Ludwigsburg bei Stuttgart vor mehreren hundert internierten SS-Leuten einen Vortrag zu haltén. >Reeducation< nannte man derlei Versuche. Ich sprach über das höchst aktuelle, höchst schwierige Thema: >Versuch einer Analyse des Nachkriegs-Deutschen<, und es war naturgemafl eine Abrechnung mit der damals jüngsten Vergangenheit. Ich war ganz alléin mit den Internierten, die samtlich Intellektuelle waren: Wissenschaftler vieler Sparten, Journalisten, höhere Staatsbeamte. Ich weifl nicht, woher ich den Mut zu einem solchen Unterfangen nahm. Genug: ich hatte ihn. Nach der ersten Hiilfte meines Vortrags etwa verliefl eine kleine Gruppé militarisch geschlossen den Raum. Die meisten blieben. Zum SchlujI sollte es eine Diskussion geben. Es gab keine Diskussion, es gab Bekenntnisse erschütternder Art. Ich sah und fühlte, dafi viele dieser Leute bereit waren, Irrtum und Schuld einzusehen und umzulernen und sich in die AufbauArbeit einzugliedern, gleichviel an welcher Stelle. Ich bemühte mich daraufhin um die Entlassung dieser Manner. Die damalige Regierung verpaflte eine Chance. Jahrelang bekam ich Briefe von mehreren dieser Leute, die zuletzt resigniert in ihre alte Welt zurückfielen. (Heute sind einige von ihnen allerdings ganz und gar eingegliedert, aber sie erinnern sich keineswegs mehr ihrer Vergangenheit -und das ist es, was ich die verpaflte Chance von 1947 nenne.) Damals aber sagte ich mir, die Neu-Herausgabe meines Gefangnistagebuchs erwágend, es sei besser, alle bittere Betrachtung der Vergangenheit zu lassen und nur Zukunft zu wollen.