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DAS GEWONNENE PARADIES
Ob wochentags oder sonntags — es gibt ein Bild im Pradomuseum zu Madrid, das mehr als jedes andere umlagert ist. Die Urkunde, wodurch es am S.Juli 1593 dem Kloster des Escorial überwiesen wurde, bezeichnet es als »pintura de la variedad del Mundo« (Gemälde von der Vielfalt der Welt). Auffallend präzis ist dieser Titel nicht. Die älteste erhaltene Beschreibung des Bildes, die Padre Sigüenza im Jahr 1603 gegeben hat, nennt als Thema »De la gloria vana y breve gusto de la fresa o madrono« (Von der Eitelkeit des Ruhms und dem kurzwährenden Geschmack der Erdbeere). Diesem ersten Deutungsversuch sind zahlreiche andere gefolgt. Im Katalog des Pradomuseums, wohin das Bild aus dem Escorial überführt wurde, ist es folgendermaßen bezeichnet: »El Jardin de las Delicias, o la pintura del madrono.« Das bedeutet »Der Garten der Wonnen, oder das Gemälde vom Erdbeerbaum.« Woher die Benennung »jardin de las delicias« stammt, wird nicht angegeben. Im Französischen heißt das Bild dementsprechend »le jardin des délices«. Man könnte dies auch mit »Garten der Sinnesfreuden« übersetzen. Im Deutschen ist das Bild unter dem irreführenden Titel »Der Garten der Lüste« bekanntgeworden, der sich aus Gründen der Bequemlichkeit und der Sensation rasch und solide festgesetzt hat. Wer geneigt ist, sich mit dem Bild wegen dieser falschen Übersetzung zu beschäftigen, wird enttäuscht. Es stellt nicht die Lüste, sondern die Überwindung des Fleischlichen dar, nicht das verlorene, sondern das gewonnene Paradies.
In jüngster Zeit hat man ihm die verschiedensten Namen gegeben. Als Beispiele: »Die Schule der Engelsliebe«, »Mühe und Plage«, »Die Überwindung des Fleisches«, »Das tausendjährige Reich«. Je überzeugender die Ausdeutungen im Lauf der Jahre zu werden scheinen, desto komplizierter werden sie, und desto weniger kann sie der Museumsbesucher parat haben, der sich plötzlich von dem Bild gebannt fühlt. Gebannt vom Gegenständlichen, dessen Geheimnisse jeder auf seine Weise zu ergründen versucht. Gebannt von