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EINLEITUNG von Otto Knörrich
Der Titel dieses Buches nennt als dessen Gegenstand die »Formen der Literatur«. Der Band behandelt literarische Phänomene wie den Roman, den Aphorismus, die Ode, die Komödie usw. Der übliche Begriff dafür ist der der Gattung. Dessen Problematik, sein schwankender Gebrauch in der Literaturwissenschaft ließen es aber nicht geraten erscheinen, das Buch etwa »Die literarischen Gattungen« zu nennen. Vor allem war zu bedenken, daß die aufgenommenen Begriffe zum Teil auf verschiedenen Abstraktionsebenen liegen (z. B. Roman/Bildungsroman, Schauspiel/Geschichtsdrama) und schon deshalb einen möglichst allgemeinen Oberbegriff erforderlich machen. Auch sollte auf die Aufnahme solcher Grenzphänomene des konventionellen Gattungssystems wie Groteske, Parodie und Satire nicht verzichtet werden.
An dieser Stelle ist die Frage zu erwarten, warum die Begriffe für die den Gattungen offenbar übergeordneten, von Goethe so genannten »Naturformen« der Dichtung, Epik, Lyrik und Dramatik, nicht in den Band mit aufgenommen wurden, wenn denn schon das berücksichtigte Begriffsensemble auf verschiedenen Abstraktionsebenen angesiedelt ist; so wären dann Begriffshierarchien wie Epik/Roman/Bildungsroman komplett repräsentiert. »Epik«, »Lyrik« und »Dramatik« sind aber von einer grundsätzlich anderen Kategorialität als die Gattungsbegriffe, was schon daraus erhellt, daß die Gattungen nicht in der Weise unmittelbar abgeleitete Unterabteilungen dieser »Naturformen« sind, wie es auf die Untergattungen (z. B. Bildungsroman) in bezug auf die Gattungen (z. B. Roman) zutrifft. Als Grundstrukturen literarischen Sprechens können die »Naturformen«, ohne daß man deshalb gleich die Goethesche Bezeichnung mit der durch sie nahegelegten Vorstellung von ihrer Naturwüchsigkeit übernehmen muß (was heute kaum mehr jemand tut), einen größeren Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben als die
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