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IDENTITÄT VON PHILOSOPHIE UND ETHIK (Bemerkungen zu Spinozas philosophischem Hauptwerk)1
I
Wer sein Leben bewußt gestalten will, den Blick also nach vorn richtet, muß Rücksicht nehmen auf seine Geschichte, in deren Verlauf er das wurde, was er gegenwärtig ist. Zukunftsdenken hat -soll es nicht in der utopischen Luft hängen - Geschichtsbewußtsein zu seiner Voraussetzung.
Bloße, Veränderung und Entwicklung ausschließende Apologie des Bestehenden zersetzt das Geschichtsbewußtsein; verwandelt es im besten Falle in ein museales. Die spätbürgerliche Philosophie, der es an echten Perspektiven mangelt, weil sie selber Reflex der perspektivlos gewordenen alten Welt ist, kann daher kein produktives Verhältnis zur Vergangenheit gewinnnen. Wer keine Zukunft hat, vermag seine Vergangenheit nicht zu bewältigen. Anders der noch junge, schon aber kräftige Sozialismus, der seinen theoretischen Ausdrude in der marxistischen Philosophie findet. Ganz der Gestaltung der Zukunft, einer menschenwürdigen Gesellschaft verpflichtet, ist er gerade deshalb an der positiven Aufhebung alles Progressiven der Vergangenheit interessiert. Versteht er sich doch selber als Resultat und Fortsetzung der Menschheitsgeschichte, als Realisierung des Humanismus, dessen philosophische Begründung durch Karl Marx von den großen Denkern der Vergangenheit vorbereitet wurde.
Daß Baruch Spinoza, dessen Hauptwerk hier vorgelegt wird, zu diesen Großen der Menschheit gehört, ist ohne Zweifel. Die positiv-kritische Aufhebung seiner philosophischen und insbesondere seiner ethischen Lehren erscheint heute als eine nicht
1 Eine knappe biographische Skizze und einführende Bemerkungen in das spinozistische Philosophieren findet sich in dem der Rcclam-Ausgabe des „Theologisch-politischen Traktats" beigefügten Essay „Spinoza und die Denkfreiheit", Reclams Univcrsal-Bibliothek, Band 320, S. 347-367. Wie beim „Theologisch-politischen Traktat", so haben sidi auch bei der „Ethtik" Verlag und Herausgeber für die Übersetzung von Jakob Stern entschieden. Trotz gewisser überholter stilistischer Eigenheiten (der Text erschien bereits 1888 in Reclams Universal-Bibliothek) wird diese Übersetzung in vielen speziell philosophischen Details dem Denken Spinozas besser gerecht als die ebenfalls diskutable und heute noch gebräuchliche von Baensch.