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Vorwort
El Greco zählt zweifellos zu den größten Künstlerpersönlichkeiten der zweiten Hälfie des 16. und des be^nnenden 17. Jahrhunderts; selbst in den Museen, in denen sich - wie etwa im Prado in Madrid - ein Spit-zenwerk der europäischen Malerei neben das andere reiht, bilden seine Gemälde einen Hauptanziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. Beschäftig man sich näher mit seinem Oeuvre, so gerät man in ein merkwürdiges Spannungsfeld zwischen manieristischem Eklektizismus und überragendem künstlerischem Ausdruck, der sich in einer höchst persönlichen Weise manifestiert, zwischen einer Werkstattproduktion, in der mit wenigen Abwandlungen bestimmte Bildtypen wieder und wieder tradiert wurden, und eigenhändigen Gemälden mit einer überaus starken Wirkung, die einzigartig ist. Groß ist auch die Spannung zwischen dem, was El Greco in seinem Leben anstrebte, nämlich für den König -Philipp II. - tätig zu sein, und der enttäuschenden Realität: Dem König gefielen seine Gemälde nicht, und so mußte er sich eine Klientel im Bereich der zahllosen Klöster undprivaten Aufiraggeber suchen. Erstaunlich und teilweise so groß, daß man an den Zuschreibungen an einen einzigen Künstler zu zweifeln begonnen hat, sind die Unterschiede zwischen dem auf Kreta entstandenen, nur rudimentär erkennbaren Frühwerk, den Gemälden der italienischen Periode sowie dem Schajfen der reifen und späten Zeit in Toledo. Merkwürdig ist auch, daß viele seiner Bilder, vor allem der berühmte Edelmann mit der Hand auf der Brust, zum Inbegrijf spanischen Wesens geworden sind, obwohl Domenikos Theoto-kopoulos doch aus Kreta stammte und die byzantinischen Wurzeln seiner Kunst nie verleugnet hat. Der Schwerpunkt der Bildthemen El Grecos liegt sicherlich im Bereich der religiösen Malerei, die einen tiefen Einblick in das Geistesleben der damaligen Zeit ermöglicht; daneben schuf er Portraits, Gemälde mythologischen Inhalts, Ansichten von Toledo, Zeichnungen und- was nur wenig bekannt ist- im Zusammenhang mit der Ausstattung von Altären auch Skulpturen.
Dies alles in einer einzigen Ausstellung auch nur andeutungsweise darzulegen, ist heute kaum mehr realisierbar. Dennoch ist es dem Kunsthistorischen Museum gelungen, die wichtigsten Aspekte im Schajfen von El Greco anhand herausragender Werke zu dokumentieren. Bereits seit Jahren war es mein großer Wunsch, in Wien eine Ausstellung zu El Greco zu veranstalten; mehrere Leihgaben des Kunsthistorischen Museums an den Prado in Madrid wurden im Gegenzug mit Hauptwerken aus den königlichen Beständen Spaniens erwidert. Erstaunlicherweise ist die Aus-
stellung des Kunsthistorischen Museums die erste seit vielen Jahren im deutschsprachigen Raum.
So gilt mein besonderer Dank allen Leihgebern, ohne deren Entgegenkommen El Greco in Wien nicht hätte präsentiert werden können. Vor allem danke ich in diesem Zusammenhang Herrn Fernando Checa, dem Direktor des Museo Nacional dei Prado. Er und seine Mitarbeiter sind uns auch bei den Vorbereitungen für die Ausstellung mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Im Hause gilt mein besonderer Dank Frau Dr. Sylvia Ferino-Pagden, die fiir das wissenschafiliche Konzept und die Realisierung der Ausstellung und des Katalogs verantwortlich ist. Auch danke ich Herrn Dr. Karl Schütz, dem Direktor der Gemäldegalerie, und allen seinen Mitarbeitern; ich danke der Abteilung für Ausstellunpwesen, Herrn Dr. Christian Hölzl und Frau Mag. Ulrike Becker, die sich mit großem Engagement der organisatorischen Vorbereitung der Ausstellung und des Katalogs gewidmet hat. Frau Mag. Mader hat mit ihren Mitarbeiterinnen in bewährter Weise dafiir gesorp, daß die Ausstellung in Hinblick auf die Öffentlichkeitsarbeit hervorragend betreut wird, wofür ich ihr sehr herzlich danke. Mein Dank gilt ferner der Abteilung Publikationswesen unter der Leitung von Frau Dr. Elisabeth Herrmann und dem für die Ausstellungsarchitektur verantwortlichen Atelier Dr. Kräftner. Vieles im Werk El Grecos ist nach wie vor rätselhaft, viel Forschungsarbeit ist noch zu tun. Atisstellungen wie diese bilden stets einen Anlaß fiir eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den sich aus den Kunstwerken ergebenden Fragestellungen. Nicht jeder Besucher wird sich damit auseinandersetzen wollen; wohl keiner wird sich jedoch dem starken subjektiven Empfinden entziehen können, das die geniale Malerei El Grecos bei ihm bewirkt.
Dr. Wilfried Seipel
Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums
Sylvia Ferino-Pngden El Greco in Wien
Mißt man heute allgemein den Erfolg eines Künstlers an der Zahl bedeutender, ihm gewidmeter Ausstellungen und dem Prestige der ihn präsentierenden Institutionen, so liegt El Greco unter den ,Alten Meistern" eindeutig in Führung. Allein in den letzten zwanzig Jahren wurden ihm bedeutende monographische Ausstellungen nicht nur in vielen Ländern Europas, sondern auch in Amerika und Japan gewidmet'. Daß unsere Ausstellung im Kunsthistorischen Museum im deutschsprachigen Raum dennoch die erste El Greco gewidmete, monographische Präsentation dieses großen Künstlers ist - ungeachtet seiner enthusiastischen Akklamation zu Anfang des 20. Jahrhunderts, da er als Vater der Moderne und als Vorläufer des deutschen Expressionismus gefeiert wurde, und ungeachtet bedeutender Beiträge deutscher oder deutschsprachiger Kunsthistoriker im Laufe des späten 19. und des 20. Jahrhunderts - bedarf einer Erklärung^ Ein fast banaler, praktischer Grund dafür ist sicherlich die bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts dominierende Ausstellungspolitik der Museen, gemäß der Sonderausstellungen hauptsächlich die eigenen Bestände erhellen sollten, und bedeutende Gemälde El Gre-cos gibt es im deutschsprachigen Raum tatsächlich nur wenige. Das findet bereits 1910 Julius Meier-Graefe in seiner Spanischen Reise beklagenswert, wenn er seinen Reisebegleiter ausrufen läßt, „da ich in Deutschland dank der Intelligenz unserer Museumsleute keinen Greco sehen kann"^. Ebenso vermerkt auch Thomas Bernhard in seinen Alten Meistern bissig: „Das Kunsthistorische Museum hat nicht einmal einen Goya, nicht einmal einen Greco hat es.""* Ein Überblick über die mitteleuropäische Museenlandschaft kann dies nur bestän-gen, besonders wenn man sich vergegenwärtigt, welch prachtvolle Gemälde des Meisters außerhalb Spaniens heute vor allem in den amerikanischen Museen zu bewundern sind.
Dresdens 1741 in Venedig als Gemälde Bassanos erworbene Blinden-heilunghi als Frühwerk der italienischen Zeit für El Greco noch eher untypisch. Der Freistaat Bayern erwarb zwar 1909 von Hugo V. Tschudi eine Fassung der Entkleidung Christi für die Münchener Pinakothek, der 1958/59 ein Werkstattbild der Hl Veronika mit dem Schweißtuch folgte\ aber im mitteleuropäischen Raum besitzt allein Budapest eine Gruppe bedeutender Gemälde des Meisters, wobei der Sammler und Händler Marczell von Nemes, der eine beachtliche Anzahl von Gemälden El Grecos unterschiedlichster Qualität im
Laufe des frühen 20. Jahrhunderts erworben hatte, eine große Rolle spielte. Einige davon gelangten in das Budapester Museum der Schönen Künste^ In Prag befindet sich ein erst jüngst wieder als authentisch vorgestellter Christuskopf.
Daß El Greco in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien nicht vertreten ist, reflektiert des Künstlers schicksalhafte Karriere und erklärt sich aus der ablehnenden Haltung König Philipps II. von Spanien, die dieser El Grecos 1579 für einen Altar von San Lorenz© im Escorial geschaffenem Gemälde, dem Martyrium des hl Mauritius, entgegenbrachte. Damit war El Greco nicht nur internationaler Ruhm als königlicher Hofmaler versagt, sondern er sollte für Jahrhunderte fast in völlige Vergessenheit geraten. Aus demselben Grund war er den österreichischen Habsburgern kein Begriff, war nicht sammelnswert und fehlte dann auch in den Sammlungen Kaiser Rudolfs IL, Erzherzog Leopold Wilhelms und Karls VI. Zur Zeit der Wiederentdeckung El Grecos im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren es private Sammler, aber auch Museen anderer Länder, die sich um seine Werke bemühten. Mit dieser kleinen, aber doch sehr repräsentativen monographischen Ausstellung erfüllt das Kunsthistorische Museum Wien nun endlich ein langes Desideratum, und das nicht nur aus kunsthistorischer Sicht. Denn gerade die Wiederentdeckung El Grecos im Laufe des 19. Jahrhunderts zeigt die vielfach so unterschiedliche Dynamik zwischen Künstlern und Kunsthistorikern in der unterschiedlichen Erfassung der historisch relevanten Phänomene für die jeweilige Gegenwart®.
Die Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bewunderten El Greco und seine Malerei wesentlich vorurteilsloser als die zeitgenössischen Kunsthistoriker. Die Künstler fanden in seinen Gemälden ihre eigenen Anliegen bereits eingelöst, seien sie impressionisrischer, kubistischer oder sogar abstrakter Natur. Auch mit seinem genialen Wahn, seinem unverstandenen Außenseitertum konnten sie sich identifizieren. Künstler wie Manet, Millet, aber auch Degas, Marc und Macke, vor allem aber Picasso sahen daher in El Greco einen verwandten Geist und eine Quelle der Inspiration'. Wesentlich schwieriger war eine Bewertung indes für die Kunsthistoriker, mußten sie doch El Grecos außergewöhnliche Qualitäten in ihr gut verteidigtes Koordinatensystem geschichtlicher Entwicklung ein-