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Mnemagogien
Doktor Morandi (aber er war es noch nicht gewohnt, Doktor genannt zu werden) hatte, als er dem Autobus entstieg, den Vorsatz gefaßt, wenigstens zwei Tage lang sein Inkognito zu wahren; doch recht bald schon mußte er erkennen, daß ihm dies nicht möglich sein würde. Zwar hatte die Wirtin im Café Alpino ihn mit völliger Teilnahmslosigkeit behandelt (offenbar mangelte es ihr an Neugierde oder an Scharfsinn); aber dem gleichermaßen ehrerbietigen, mütterlichen und leicht mokanten Lächeln der Tabakverkäuferin hatte er entnommen, daß er hinfort der „neue Doktor" war, ohne die geringste Aussicht auf einen Aufschub. ,,Mir muß der Doktor wahrhaftig im Gesicht geschrieben stehen: ,tu es medicus in aeternum'", dachte er, ,,und, was noch schlimmer ist, alle werden es bemerken." Morandi fand keinen Geschmack am Unwiderruflichen und war, wenigstens für den Augenblick, geneigt, die ganze Angelegenheit nur als eine große und immerwährende Belästigung zu empfinden. „Ähnlich wie das Trauma der Geburt", dachte er abschließend und nicht allzu folgerichtig-
Indessen bedingte das verlorene Inkognito, daß er nun unverweilt Montesanto aufsuchen mußte. Er kehrte ins Café zurück, um seine Empfehlungsschreiben aus dem Koffer zu holen, dann lief er unter der unbarmherzigen Sonne kreuz und quer durchs Dorf und suchte das Namensschild. Er fand es nur mit größter Mühe, nachdem er viele Male unnötig im Kreis gegangen war; er hatte niemanden nach dem Weg fragen wollen, denn auf den Gesichtern der wenigen Leute, denen er begegnet war, hatte er nicht eben wohlwollende Neugier zu lesen geglaubt.
Er war zwar auf ein altes Namensschild gefaßt gewesen, doch in Wirklichkeit war es dann über alle Erwartungen alt, mit Grünspan überzogen, der Name schier unleserlich. Sämtliche Fensterläden des Hauses waren geschlossen, die niedere Vorderfront abgeblättert und verblichen. Als er sich näherte, huschten Eidechsen eilig und lautlos davon.