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PROLOG 1910Ein Todesfall in AstapowoIm Jahre 1910 konnte man oft hören, Rußland habe zwei Zaren - Nikolaus II. und Leo Nikolajewitsch Tolstoi. Doch Anfang November zeigte sich, daß es bald nur noch einen Herrscher im Land geben würde. Der zweiundachtzigjährige Tolstoi lag auf der Bahnstation eines Dorfes mit Namen Astapowo an der Strecke von Rjasan zum Ural im Sterben. Seine Frau Sonja'^ die er nach achtundvierzig Ehejahren wenige Tage zuvor verlassen hatte, traf in einem Sonderwagen ein und sah durch ihr Abteilfenster Hunderte von lodernden Fackeln im mitternächtlichen Dunkel.Der sonst menschenleere Bahnsteig war voller Leute, die auf neue Nachrichten über das Befinden des großen Tolstoi warteten. Als die Gräfin aus ihrem Eisenbahnwaggon stieg und in den frostigen Nachtwind trat, suchten ihre Blicke über Tausende von zerlumpten Bauern hinweg, die wehklagend und betend Nachtwache hielten, das Stationshäuschen. In der Ferne standen um kleine Feuer herum Panjewagen. Sonja erkannte den Magistratsbeamten von Tula, einige frühere Schüler Tolstois und viele Grundbesitzer. Die Menge wirkte wie eine große Familie, die sich versammelt hatte, um dem Sterben ihres Patriarchen beizuwohnen. Auf die Meldung von Tolstois schwerer Erkrankung hin hatten der Zar und seine Gemahlin ihren Deutschlandbesuch abgebrochen und waren in den Winterpalast zurückgekehrt. In der ganzen Welt berichteten die Zeitungen über den Todeskampf des Mannes, den viele, in Rußland wie im Ausland, als Heiligen und Propheten verehrten.Sonja waren alle zuwider - vom Zaren bis zum geringsten Muschik. Nur sie kannte Tolstoi. Sie hatte ihn mit achtzehn Jahren geheiratet, und seitdem war er ihre ganze Welt. Eine große Leidenschaft hatte sie verbunden. Dreizehn Kinder hatten sie gehabt und sechs von ihnen begraben. Diese Menschen hatten keine Ahnung, wie sehr sie einst einander geliebt, wußten nichts von Sonjas Hingabe an sein literarisches Genie. Die Menge verurteilte sie, weil angeblich sie es war,Kosename für: Sofia Andrejewna Tolstaja, geb. Behrs