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LIEBE LESER!
In einer alten Chronik, die zwischen vielen dicken, längst ver= gilbten Büchern in der Staatsbibliothek aufbewahrt ist, fand ich einen sonderbaren Bericht: »Kleine Schweizer Sklaven«. Die gab es zu jener Zeit, als arme Bergbauern im Kanton Tessin ihre Bu= ben zwischen acht und fünfzehn Jahren als Kaminfegerbuben nach Mailand verkauften.
»In notdürftige Lumpen gehüllt*, las ich da, »barfuß oder nur mit schlechten Schuhen versehen und ohne Strümpfe müssen sie, klappernd vor Kälte und entkräftet vor Hunger, von früh mor= gens bis spät abends unter dem fortwährenden Geschrei: >Spazza= fornello!<, das ihren jungen Lungen auch nicht zuträglich sein kann, die Stadt von einem Ende zum andern durchziehen. Von Locarno bis Arona werden diese Kinder in Barken, wie Tiere zusammengepfercht, transportiert. Eine solche vollgepfropfte Barke schlug kürzlich zwischen Cannobio und Canero um, und sechzehn kleine Kaminfeger ertranken.* Aus dieser alten Chronik erfuhr ich auch von Giorgio und seinen Freunden, und wie diese kleinen, behenden Buben durch den offenen Kamin und den Rauchfang bis hinauf zu den Dä= ehern klettern mußten, um mit ihren nackten Händen den Ruß herabzuwerfen. Und die Erlebnisse und Abenteuer der kleinen Schweizerbuben sind so seltsam, aufregend und rührend zu= gleich, daß es sich wahrlich verlohnt, sie ausführlich zu be^ richten.
Sie geschahen vor hundert Jahren. Damals stand Mailand noch unter österreichischer Oberhoheit. Seither hat sich vieles ge= ändert. Die Buben legen keine Leimruten mehr, um Vögel zu fangen, die Adler sind selten geworden, und die Kaminfeger= meister kaufen keine Knaben mehr von ihren Eltern. An Stelle dieser lebendigen Besen lassen sie heute ihre langen, mit Blei= lot beschwerten Drahtbürsten in den Kamin hinabfallen.