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1. Ein stiller Sonntag
In Moskau war der Morgen des 22. Juni 1941 besonders schön. Es war die Zeit der Sommersonnenwende, und das Tagesgestirn ging schon kurz nach drei Uhr früh auf. In Leningrad spazierten junge Leute, Burschen und Mädchen, in der Romantik der ,,weißen Nächte" stundenlang über die Boulevards. Überall im europäischen Rußland war das Wetter hervorragend und der Himmel klar.
Kaum hatten die Moskauer Untergrund- und Straßenbahnen den Betrieb aufgenommen, so mußten sie schon große Menschenmengen hinaus zu den Vorortestationen befördern: Der arbeitsfreie Tag sollte draußen auf dem Lande ein Tag der Ruhe, des Badens, des Fischens in den nahe gelegenen flachen Seen werden. In den Birken-und Föhrenwäldchen rund um die russische Hauptstadt wollte man sich zu Picknicks niederlassen.
Nicht eine Wolke stand am Himmel: Die Meteorologen hatten einen warmen Tag vorausgesagt. Manche Ausflügler blieben vor den Anschlagkästen der „Prawda" in den Stationen stehen; aber es gab keine Nachrichten, die viel Aufmerksamkeit verdient hätten. Der Leitartikel der „Prawda" befaßte sich mit Fragen der Schulbildung. Ein Artikel war der hundertsten Wiederkehr des Todestages des Poeten Michael Lermontow gewidmet und brachte ein Zitat aus einem seiner Gedichte über die Schlacht von Borodino, in der die Russen gegen Napoleon gekämpft hatten: „Mit gutem Grund erinnert sich ganz Rußland des Tages von Borodino!" Auf der vierten - und letzten - Seite der „Prawda" gab es eine Nachricht über ein Zyklotron zur
Links: Blick auf den Roten Platz in Moskau kurz vor Beginn des Krieges.
Oben: Deutsche Offiziere an der Grenze in Polen unmittelbar vor Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion.