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Kraft und Verwundbarkeit der naiven Kunst
Zur Einführung
I. Henri Rousseau, )Frciheits-cngel(, Teilausschnitt des Bildes >Die Freiheit lädt die Künstler zur Teilnahme an der XXII. Ausstellung der Unabhängigen cin<, 1906
Einige Tage bevor ich die Arbeit an dem Manuskript Die Naiven der Welt begann, war mein Buch Ende der Kunst im Zeitalter der Wissenschaß? erschienen. Beide Schriften handeln von Grenzgebieten künstlerischen Schaffens: die eine von Bereichen der noch vorbewußten oder neben dem Zeitbewußtsein wachsenden Formen der Gestaltung, die andere vom Gebiet des Transhumanen und des planmäßigen Vordringens der Kunst in das Magnetfeld der Wissenschaft und der Technik. Beide befassen sich also mit polaren Kräften, die im Sinne des klassischen Begriffs noch nicht oder nicht mehr >Kunst< sind - Kunstgebiete, charakteristisch für unsere Zeit, in der Frühes und Spätes, Vorperspektivisches und Nachpcrspektivisches, Naives und Artifizielles integriert sind. In einem von Ratio noch unerschütterten Weltgefühl spiegelt die naive Kunst triebhaft und bildhaft Gr underfahrun gen urtümlichen Gemeinschaf ts-erlebens, während sich gleichzeitig kybernetische Kunstexperimente als Primitivformen eines werdenden Kollektivschaffens ankündigen.
Die ansteigende Welle des Interesses für die naive Kunst, das Anwachsen der Zahl der Künstler, die als naiv gelten, lassen die Frage auftauchen, ob diese Kunst, wie wir es früher formulierten, außerhalb von Geschichte und Stil stehe und tatsächlich keine Entwicklung kenne. Ist die Popularität der naiven Kunst ein Zeichen ihres Dauerns, oder ist ihr Aufstieg vielmehr eine bewußtgewordene und nun willentlich ausgeübte Variierung ursprünglicher Bildhaftigkeit? Hat die naive Kunst die Kraft, sich aus sich selbst zu erneuern, oder hört sie, wenn sie ihr eigenes Wesen auf artifizielle Weise projiziert, auf, sie selbst zu sein?
Künstlich erhaltene, gezüchtete Naivität könnte grotesk und tragisch zugleich anmuten, wie etwa jene sich selbst darstellenden Indianer, die für Touristen ihren Federschmuck anlegen und
Ritualtänze vorführen. Gewiß können die naiven Künstler nicht von der Berührung mit der technischen Zivilisation und der Kultur abgeschirmt werden. Kann diese Kunst dennoch naiv und dadurch Kunst bleiben ? Sollten jene Kunstkritiker recht haben, die in aristokratischer Ablehnung das Schaffen der Naiven ignorieren, es herablassend als minore Begleiterscheinung der hohen Berufskunst registrieren, während sie selbst jedem Experiment des Tages zuneigen! Oder ist im Zeitalter der Kybernetik die naive Kunst eine der schöpferischen Möghchkeiten, die in der gegenständlich-humanen Sphäre Quellen der Erneuerung bieten? Gibt die naive Kunst den notwendigen Ausgleich zwischen dem technisch-szientisti-schen Prinzip und einem Streben nach lebendigem Schöpfertum!
Die Vielgesichtigkeit des Phänomens, das wir mit den beiden Wörtern )naive Kunst< be-zeiclinen, macht es notwendig, alle Spielarten mit möglichster Genauigkeit zu betrachten: volkstümliche Bildnerei, rustikalen und städtischen Amateurismus, Pseudonaivität und echte naive Kirnst.
Doch auch auf diesem Gebiet hat eine Rubrizierung nur behelfsweise Geltung. Manche aus der Landschaft des Naiven kommende Künstler überschreiten, durch Übung und Bewußtwerden verändert, die Grenzen der Primitivität. Sie gehen in die Menschheitskunsc ein wie Henri Rousseau, der Zöllner. Andere dagegen, Berufskünsder, wenden sich auf der Suchenach Erneuerung einer verinnerlichten und vereinfachten Formenwelt zu und suchen naive Anschaulichkeit zu gewinnen.
Das zwanzigste Jahrhundert lehrt uns auf neue Art >schauen<. Das Ausweichen der Geschichtsentwicklung auf das Schwerefeld der Technik hat - bei zunehmender Verarmung der psychischen Substanz - den Blick der Kunst auf