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Anne sah auf die Uhr. Sie hatte beim Frühstück getrödelt, nun mußte sie sich beeilen. Gregors Dienst begann sehr früh, sie blieb dann noch im Bett und frühstückte allein. Nur an den Wochenenden war das anders.
Sie räumte das Geschirr ab, überzeugte sich, ob die Beiträge, an denen sie zu Hause gearbeitet hatte, sich in der Aktenmappe befanden, warf einen Blick in den Spiegel und machte sich auf den Weg.
Beim Briefkasten blieb sie noch einmal stehen, ließ die Zeitungen darin, entnahm ihm einen Brief, auf dessen Umschlag sie den Poststempel von Westberlin bemerkte, und dachte: Endlich! Endlich!
Der Sohn hatte lange nichts mehr von sich hören lassen, welche Sorgen hatte sie sich gemäctif.'Sre schob"den Brief in die Tasche, lesen würde sie ihn später, in Ruhe. Zärtlichkeit erfüllte sie, wie immer, wenn sie an den Jungen dachte. Er hatte ihr viel Kummer bereitet, zuerst die Sache mit dem Tagebuch, dann seine politischen Aktivitäten. Nicht, daß sie all das billigte, aber mit den Jahren begann sie manches zu verstehen.
Gewohnheitsmäßig fuhr sie mit der Straßenbahn, stieg um in den Bus, hatte noch fünf Minuten Fußweg, um ihre Arbeitsstelle zu erreichen.
Die beiden Fahrstühle waren unterwegs, und sie wollte nicht warten. Sie rannte die Treppen hinauf und kam atemlos an.
Sie mußte durch das Zimmer der Sekretärin und erwartete das übliche »Schon wieder, Kollegin Lehmbrück«. Aber Gudrun König warf ihr nur einen vorwurfsvollen Blick zu und schwieg. Dafür
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begrüßte Ingrid Fabian, mit der Anne das Zimmer teilte, sie mit komischem Ernst: »Zehn Minuten zu spät, Kollegin Lehmbrück.«
Anne mußte lachen.
»Hat sie nichts gesagt?« fragte Ingrid.
»Erstaunlicherweise nicht«, antwortete Anne. Sie begrüßte die Kollegin, mit der sie eine langjährige Freundschaft verband, überflog dann mit schnellem Blick die Papiere auf ihrem Schreibtisch, ordnete sie nach Wichtigkeit, setzte sich, um endlich den Brief ihres Sohnes zu lesen.
»Von Peter?« fragte Ingrid. Sie kannte die ganze Geschichte und nahm an dem Schicksal der Freundin teil.
Anne nickte. Aber noch ehe sie den Umschlag öffnete, sah sie, daß dieser Brief nicht von ihrem Sohn war. Ein fremder Name, eine fremde Adresse. Eine unerklärliche Angst überfiel sie. Sie zögerte, dann riß sie den Umschlag mit einer hastigen Bewegung auf. Kein Brief, nur ein Zeitungsausschnitt. Fettgedruckt die Uberschrift: »Tod eines Terroristen«, darunter das Bild von Peter.
»Hast du etwas?« fragte Ingrid Fabian. Dann stürzte sie zu Anne, die, das Gesicht auf der Schreibtischplatte, zusammengesunken dasaß und stöhnte.
»Anne, was ist mit dir?« Vorsichtig versuchte Ingrid die Freundin aufzurichten, es gelang ihr nicht. Dann erst entdeckte sie den Zeitungsausschnitt. »Mein Gott, Anne, das ist doch das kann doch nicht sein «
Das Stöhnen verstummte. Annes Kopf schwankte, als hätte sie keine Kraft, ihn zu halten.
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