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Eremiíage-Museum. Gesmlamic/ií der Front.
VORWORT
von
Giulio Carlo Argan
Die Gründung eines großen Museums ist immer von entscheidender Bedeutung für die Kulturgeschichte des betreffenden Landes. Die Entstehung der Eremitage war folglich nicht das Ergebnis, sondern vielmehr einer der auslösenden Faktoren für die Entwicklung des alten « Heiligen Rußland » zu einem modernen Land, das, auf der Suche nach Beziehungen zum Westen, nach sozialen und kulturellen Veränderungen strebte. Damals begann, mit der Krise der Theo-kratie, der Prozeß der Säkularisation und der kulturellen Aufklärung, der das russische Volk seine eigene, wahre Geschichte hat erkennen lassen. Die traditionelle Geschichtsschreibung, die diesen Prozeß als Umverteilung der politischen und religiösen Macht darstellt, wird der komplexen Entwicklung damit nicht gerecht.
Die erste Wachstumsphase der Eremitage ist gekennzeichnet durch umfangreiche Ankäufe westlicher Kunstwerke durch die « aufgeklärten » Monarchen, unter ihnen Katharina II., mit dem Ziel, zumindest die Hofkultur zu verwesdi-chen. Diesem sprunghaften Anwachsen folgte eine zweite Phase, in der das Museum, wenn auch vom Zaren kontrolliert, unter der Leitung von Spezialisten stand, die die neue bürgerliche Kultur repräsentierten. Sie begannen, in den unermeßlichen Weiten des russischen Reiches systematisch archäologische Expeditionen durchzuführen, und entdeckten auf diese Weise entlegene und vergessene Zivilisationen. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist die Eremitage das einzige Museum, das in solch umfangreicher Weise die mythischen Zivilisationen des europäischen und des asiatischen Nordens dokumentiert. Und man weiß, daß diese Entdeckungen nicht nur unseren Wissensstand bereichert, sondern auch die Entwicklung der Forschungsmethoden auf den Gebieten der Archäologie und Kunstgeschichte vorangetrieben haben.
In der dritten Entwicklungsphase, beginnend mit der Oktoberrevolution, wurde das Museum zum Volkseigentum, in das zahlreiche Sammlungen aus privater Hand eingingen. Gleichzeitig wurde das Spektrum der archäologischen Forschungen erweitert, neue Methoden zur Katalogisierung und Restaurierung des künstlerischen Erbes wurden erarbeitet.
Die Eremitage ist überdies das einzige große Museum, das in direktem Zusammenhang mit der Gründung einer Hauptstadt « aus dem Nichts » entstanden ist. Als Peter d. Gr. 1703 Petersburg gründete und ihm ein für russische Verhältnisse ungewohntes Aussehen gab, hatte er die Absicht, den Staat und dessen Institutionen von dem unterdrückenden und retardierenden Einfluß des orthodoxen Klerus, dessen Machtzentrum Moskau war, zu befreien. Rußland zu säkularisieren bedeutete offensichtlich, es zu verwestlichen; das hieß, die herrschende Schicht zu entrechten, das Land den Ideen und der Ideologie der europäischen Aufklärung zu öffnen, den Grundbesitz umzuverteilen, die handwerkliche Produktion mit Hilfe der im Westen entwickelten Technik weiter zu entwickeln. Für solch tiefgreifende Veränderungen bedurfte es neuer Strukturen, und von diesen war die Eremitage zweifellos die bedeutendste. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Zaren weder Kunstinteresse noch Kunstverständnis gezeigt. Ihre Kunstkammer enthielt ohne Zweifel eine Unmenge sagenhafter Schätze, glich aber in der Anordnung mehr Ali Babas Höhle als einer Hofsammlung. Erst zur Zeit Katharinas II. begann man, die Bestände zu katalogisieren, Ordnung zu schaffen, Lücken zu schließen und dem Ganzen eine gewisse Struktur zu geben. Gegen Ende des 18. Jhs. war die Eremitage zu einem typischen Museum der Aufklärung geworden, in dem alle künstlerischen Strömungen ohne irgendeine Wertung repräsentiert waren: tatsächlich war dies eine Neuerung in Europa, da die meisten Museen auf der Grundlage einer königlichen oder aristokratischen Sammlung aufgebaut waren. Die Eremitage war also das erste Museum, das aus einem Kunstmarkt im modernen Sinne entstanden ist, was ihm den Charakter absoluter Modernität verlieh. So ist paradoxerweise das Museum eines absolutistischen Hofes als Ausdruck der neuen bürgerlichen Kultur entstanden.
Die umfangreichen Ankäufe von Kunstwerken, die die Zaren durch ihre Botschafter und Abgesandten in Westeuropa tätigen ließen, sind ein interessantes Phänomen auch in der Wirtschaftsgeschichte des Jahrhunderts. Hinter der Fassade von kulturellem Liberalismus und Mäzenatentum des russi- 9