VORWORTIHochhuths Stück ist einer der wenigen wesentlichen ,Beiträge zur Bewältigung der Vergangenheit. Es nennt schonungslospj,''-die Dinge beim Namen; es zeigt, daß eine Geschichte, die mit dem Blutvon Millionen Unschuldiger geschrieben wurde, niemals verjähren kann;,es teilt den Schuldigen ihr Maß an Schuld zu; es erinnert alle Beteilig-Ki ' ! ''ten daran, daß sie sich entscheiden konnten, und daß sie sich in der Tat entschieden haben, auch dann, wenn sie sich nicht entschieden. idem Menschen Entscheidungen an sich nicht mehr...
VORWORTIHochhuths Stück ist einer der wenigen wesentlichen ,Beiträge zur Bewältigung der Vergangenheit. Es nennt schonungslospj,''-die Dinge beim Namen; es zeigt, daß eine Geschichte, die mit dem Blutvon Millionen Unschuldiger geschrieben wurde, niemals verjähren kann;,es teilt den Schuldigen ihr Maß an Schuld zu; es erinnert alle Beteilig-Ki ' ! ''ten daran, daß sie sich entscheiden konnten, und daß sie sich in der Tat entschieden haben, auch dann, wenn sie sich nicht entschieden. idem Menschen Entscheidungen an sich nicht mehr möglich seien in der Anonymität, in der Gesichtslosigkeit der gesellschaftlich-politischen Vorkehrungen und Zwänge, in der absurden Konstruktion des menschlichen Daseins, in welchem alles im vorhinein entschieden sei. Eine solche Theorie der Auslöschung geschichtlichen Handelns kommt allen denen entgegen, die sich heute vor der Wahrheit der Geschichte, vor der Wahrheit ihrer eigenen geschichtlichen Handlungen drücken möchten.Dieses Stück ist ein Geschichts-Drama im Schillerschen Sinne. Es sieht, wie das Drama Schillers, den Menschen als Handelnden, der im Handeln Stellvertreter einer Idee ist: frei in der Erfüllung dieser Idee, frei in der Einsicht in die Notwendigkeit kategorischen, das heißt: sittlichen, menschenwürdigen Handelns. Von dieser Freiheit, die jeder besitzt, die jeder besaß auch unter dem Nazi-Regime, müssen wir ausgehen, wenn wir unsere Vergangenheit bewältigen wollen. Diese Freiheit leugnen, hieße auch: die Schuld leugnen, die jeder auf sich genommen hat, der seine Freiheit nicht dazu benutzte, sich gegen die Unmenschlichkeit zu entscheiden.IIEs gibt fast schon ein literarisches Genre von Stücken, die sich mit unserer jüngsten Vergangenheit befassen. Das beste, was man über den Großteil dieser meist in den dramaturgischen Büros verstaubenden Stücke sagen kann, ist: daß sie - alles in allem - gut gemeint sind. In vielen dieser Stücke haben sich die Autoren von ihren eigenen Erlebnissen befreit. Das ist - als eine Art Beichte - anzuerkennen. Aber es zeigt sich, daß das Leben allein keine Stücke schreibt, zumindest keine guten. Nur in seltenen Fällen ist die Sicht auf ein Einzel-Schicksal umfassend genug, daß es gleichnishaft, exemplarisch, stellvertretend für die Allgemeinheit sein könnte. Dazu dann die rein handwerklichen Unzuläng-
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