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DER SPIEGELDas deutsche Nachrichten-MagazinWorte als WaffeLeitartikel Beim Echo-Skandal geht es nicht um Kollegah, es geht um uns.N" acli dem Eldat bei der Eclio-Preisverleihung gibt es kaum noch jemanden, der die prämierten Rap-Songs von Kollegah und Farid Bang öffentlich gut-' heißt. Selbst die Mitglieder des Beirats, die den Preis trotz Bedenken zuließen, verurteilen die Texte jetzt scharf. Kulturratspräsident Christian Höppner nennt sie widerlich, Musikratspräsident Martin Maria Krüger sagt, sie verletzten in unerträgUcher und abstoßender Weise ethische Grundsätze. Warum haben sie dann der Preisvergabe zugestimmt? Die künstlerische Freiheit werde nicht so wesentlich übertreten, hieß es, dass ein Ausschluss gerechtfertigt gewesen wäre.Nicht so wesentlich?Die Geschäftsordnung des Echo-Beirats enthält klare Hinweise, wann Inhalte gegen Normen verstoßen, etwa wenn sie verrohend wirken, zu Verbrechen oder Rassenhass anreizen, Gewalt heroisieren, Menschen, denen Leid angetan wurde, in einer die Menschenwürde verletzenden Weise verunghmp-fen. All das findet sich in den Texten von Kollegah und Farid Bang.Die Songs sind frauenverachtend, homophob, fremdenfeindlich und gewaltverherriichend. Mache wieder mal 'nen Holocaust, rappt Kollegah, er verwendet immer wieder antisemitische Stereotype (siehe auch Seite 124). Fast jedes Wort ist eine Waffe. Ausländer sind Syrer, die vergewaltigen, dem Sänger Mark Forster will er die Darmflora per Schlagbohrer zerstören, andere werden mit der Kalaschnikow massakriert. Früher schon beschwor er die Apokalypse, im Garten Eden leben nachdem Endkampf um den Tempelberg nur Buddhisten, Christen und Muslime - keine Juden.Nicht die Freiheit der Kunst muss hier geschützt werden, sondem die Grundwerte der Toleranz und Menschenwürde. Verhandelt wurde ja nicht ein Verbot, sondem eine Wertung: nicht preiswürdig. Vielleicht ist das auch gar keine Kunst, sondem Hate Speech, verpackt in Rap? Man kann die Freiheit der Kunst verteidigen und doch sagen: so nicht. Man kann die Freiheit der Satire gegen Recep Tayyip Erdogan verteidigen und doch finden, dass Jan Böhmermanns Ziegenficker-Schmäh, dessen Gelöt nach Döner stinkt, dumpfe antitürkische Klischees bedient hat.Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut, deshalb darf sie nicht als Ausrede für fehlenden Mut missbraucht werden. Er lehne jede Art von Antisemitismus, Gewaltverherr-Rapper Kollegah bei der Echo-Show in BerlinHebung, Frauenverachtung, Fremdenfemdlichkeit und Homophobie ab, behauptet der Echo-Veranstalter, der Bundesverband Musikindustrie. Und warum ist er dann nicht dafür eingestanden, als es ernst wurde?Man muss gar nicht den Aufstand der Anständigen bemühen wie Gerhard Schröder im Jahr 2000 nach dem Angriff auf die Synagoge in Düsseldorf. Es geht alle an - in einer Zeit eskalierender Rhetorik, in der Hass geschürt wird gegen Juden und Ausländer, gegen Politiker und Repräsentanten des Staates. Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ist Jude in Deutschland unter Jugend-hchen wieder zum Schimpfwort geworden, wird Juden geraten, nicht mit Kippa auf die Straße zu gehen. Am Dienstag vmrde in Beriin ein Kippa tragender Israeh geschlagen. Dass der Angreifer Arabisch sprach, ist keine Entlastung.Wir reden zu Recht über importierten muslimischen Antisemitismus, aber was ist mit dem deutschen? Es ist erschreckend, dass wir einen Antisemitismusbeauftragten brauchen.Wamm müssen eigentlich immer erst der Zentralrat der Juden, das Auschwitz-Komitee oder Frau Knobloch protestieren? Mitunter, so scheint es, fürchten wir den Antisemitismusvorwurf mehr als den Antisemitismus. Ist dieser oder jener wirklich ein Antisemit?, heißt es dann. Aber vrie blind muss man sein, um nicht zu sehen, dass der Hohn über KZ-Häftlinge den Judenhass nährt.Ohne die Auschwitz-Insas-sen wären sie vermutlich davongekommen, der Echo, Kollegah und Farid Bang. Keiner hat aufgeschrien, dass trotz #MeToo Songs ausgezeichnet wurden, in denen Frauen nur Fotzen und Nutten sind, die gefickt werden müssen. Im Echo-Beirat sitzen Vertreter der Kirchen, des deutschen Kulturrats, des Musikrats, ein langjähriger CDU-Bundestagsabgeordneter und ein Pädagoge, Lehrer an einem Gymnasium in Hannover. Was lehrt er seine Schüler? Nur die Katholikin hatte den Mumm, gegen die Verleihung zu stimmen.Der Chef des Bundesverbands Musikindustrie hat den Echo für Kollegah und Farid Bang nun als Fehler bezeichnet und sich entschuldigt - bei Charlotte Knobloch, der früheren Zentralratspräsidentin. Zwei Beiratsmitglieder, Höppner und Krüger, sind zurückgetreten. Auch die anderen sollten mutigen Demokraten Platz machen - für den Fall, dass der Echo eine Zukunft hat. Annette GroßbongardtOER SPIEGEL Nr. 17 / 21.4.2018