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Erstes Buch Der Narrenturm
Jung und schlank waren die beiden Gestalten, die in rhythmischem Gleichmaß, kräftig ausschreitend, den Pfad hinaufwanderten. Auf einer nahen Wiese blühten gelbe Blumen im kurzen Gras. Die blauen Anemonen mit ihren seidigen Kelchen waren zwar schon seit Ostern verblüht. Aber dafür zierten Goldnesseln und Weidenröschen den frischgrünen Teppich unter den Birken mit bunten Farbtupfen.
Er war nicht sehr groß. Wenn er sich aufrecht hielt, erreichte er knapp einen Meter siebzig. Aber das erschien ihm gerade richtig für das grazile Mädchen an seiner Seite. Er warf einen verstohlenen Seitenblick auf Martha Bernays' Profil mit der klaren Linie von Stirn, Nase und Kinn und konnte kaum fassen, was geschehen war. Schließlich zählte er erst sechsundzwanzig Jahre und hatte sich mit Leib und Seele seinen physiologischen Arbeiten in Professor Brückes Institut verschrieben. Eigentlich durfte er frühestens in fünf Jahren an die Liebe denken, und von der Möglichkeit, eine eigene Familie zu gründen, trennten ihn wohl noch volle zehn Jahre. Seine Leistungen in Chemie waren zwar immer nur sehr mittelmäßig gewesen, aber eines hätte er eigentlich lernen müssen: daß die Liebe und der Kalender zwei Dinge sind, die keine Verbindung miteinander eingehen. »Ausgeschlossen!« sagte er. »Das kann einfach nicht sein!« Das Mädchen sah ihn überrascht an. Im Wald herrschte gedämpftes Licht, da die hohen, weißgrauen Birken mit ihrem grünen Laubdach die Sonnenstrahlen abschirmten. Vielleicht lag es an den weichen Schatten in diesen Wäldern oberhalb von Mödling, daß ihm Marthas Gesicht als das lieblichste der ganzen Welt erschien. Sie war nicht gerade das, was man eine weibliche Schönheit nennt, aber er fand sie ungemein anziehend: große, graugrüne Augen, die empfindsam und sanft blicken konnten, aber auch einen wachen Verstand und einen ausgeprägten Sinn für Selbständigkeit verrieten; volles, braunes Haar, mit einem schnurgeraden Mittelscheitel hinter die dicht anliegenden Ohren zurückgekämmt; hübsche Stubsnase und ein wunderbarer Mund mit vollen roten Lippen. Nur ihr Kinn war für das schmale Gesicht vielleicht etwas zu energisch. »Was ist ausgeschlossen? Was kann nicht sein?«
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