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Die Stadt trotzte dem Meer. Sie hatte sich in den grünen SchÜck des schmalen Streifens Schwemmland hineingefressen, der vom Strom am Fuß der Felsenküste angespült worden war, deren sanfte Buchten seine Mündung beherrschten. In drei Jahrhunderten waren im andauernden Zuge harter, unermüdlicher Arbeit ihrer Bewohner ganze Wälder von Pfählen in den von Brackwasser vollgesogenen Boden versenkt, Festungen und Kirchen gebaut, Hafenbecken gegraben, Dämme aufgeworfen, Fahrrinnen ausgebaggert und Leuchttürme errichtet worden. Obwohl diese...
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Die Stadt trotzte dem Meer. Sie hatte sich in den grünen SchÜck des schmalen Streifens Schwemmland hineingefressen, der vom Strom am Fuß der Felsenküste angespült worden war, deren sanfte Buchten seine Mündung beherrschten. In drei Jahrhunderten waren im andauernden Zuge harter, unermüdlicher Arbeit ihrer Bewohner ganze Wälder von Pfählen in den von Brackwasser vollgesogenen Boden versenkt, Festungen und Kirchen gebaut, Hafenbecken gegraben, Dämme aufgeworfen, Fahrrinnen ausgebaggert und Leuchttürme errichtet worden. Obwohl diese mächtige Anlage ihre Entstehung der Laune eines verschwenderischen und literarisch hochgebildeten Königs verdankte, hatte sie den von ihm erhaltenen Namen „Franciscopolis" schon bald abgelegt. Der pathetische Hellenismus ihres Gründers entsprach in keiner Weise dem nüchternen Wirklichkeitssinn der Normannen, welche die Erbauer des ersten Arsenals in der Nähe des Fährhauses vor dem „Bassin du Roy" waren. Diese nannten die Stadt „Le Havre", denn man konnte sich schwerlich einen besseren Hafen wünschen. Die Stadt lebte vom Hafen und für den Hafen. Sie wirkte dabei wie ein menschlicher Körper, von dessen Organen eines bis zur Ungeheuerlichkeit angeschwollen war. Der Hafen mit seinen Becken, Schleusen, Schuppen, Trockendocks und Werften war zum aufgedunsenen Bauch der Stadt geworden, deren dünne Gliedmaßen das Meer umspülte, während sidi ihr Rumpf aus grauen Häusern an das felsige Gestade lehnte. Robert Cartier-Perichard betrachtete sich als das Gehirn dieses unförmigen Körpers. Sein Aussehen ähnelte dem der Stadt selbst. Er hatte einen kurzen und schwadien Rücken, der dafür geschaffen war, von der Lehne eines Polstersessels gestützt zu werden. Seine sdimächtigen Beinchen trugen nur mit Mühe einen weit hervorstehenden Bauch. Sein Vermögen war beträchtlich. Keine Erschütterung der Gesellschaftsordnung vermochte es zu verringern. Der Reedereibesitzer Cartier-Perichard verfügte über all jene Schlüsselpositionen, die es ihm erlaubten, die ganze Stadt in seiner Abhängigkeit zu halten. Als Besitzer der Aktienmehrheit der Cartier-Perichard-Werften herrschte er über dreitausend Metallarbeiter. Hätte er eines Tages beschlossen, seine Schifie von nun an Bordeaux oder Saint-Nazaire anlaufen zu lassen, so würde er damit vier-oder fünftausend Menschen dem Hunger ausgeliefert haben, die von seinen Schiffen lebten. Auf SchifTsschornsteinen, Kränen und Lastwagenplanen erinnerten die Initialen A. C. P. in einer gelb und grün gestreiften Flagge an die Allgegenwärtigkeit des Herrn. Robert Cartier-P^ridiard lebte in der Aura dieses sich überall wiederholenden Zeichens. Woran mögen Herrscher denken, wenn sie ihr Auge auf ihrem Reidi ruhen lassen? Von der Kommandobrücke aus, zu der hinauf ihn der Kommandant und die Offiziere der „Saint-Domingue" begleitet hatten, ließ er den Blick über sein Besitztum schweifen. Nodi nie zuvor hatte er die Stadt von dieser Stelle und aus einer solchen Höhe gesehen. Das Schiff hatte vor dem A. C. P.-Gebäude im Bassin Beilot angelegt. Es drängte mit seiner wuchtigen Masse die „Saint-Pierre" völlig in den Schatten, die schon seit langem verschrottet werden sollte und deren nutzloses Mastwerk sich wie das stumme Flehen eines Sterbenden zum grauen Himmel hinaufreckte. Die Luft rings um die „Saint-Domingue" war erfüllt vom heiseren Schnarren der elektrischen Winden. Kranladungen von Kisten und Fässern senkten sich mit dumpfem Aufprall auf den Grund der klaffenden Laderäume. Vorarbeiter dirigierten gestenreicii die verschiedenen Arbeiten, während lange Reihen von Schauerleuten, die ihre Sackkarren vor sich herscJioben oder bis zur Gliederverrenkung mit Paketen und Ballen beladen waren, in emsiger Geschäftigkeit ununterbrochen zwischen den Verladestellen hin und her strömten. Betrachtete Cartier-Perichard diese Unbekannten, die ebenfalls seine Untertanen und Leibeigene waren, als einfache Ameisen? Von seiner Kommandobrücke herab schienen sie ihm nidit größer als Insekten, und dennoch, wenn er sidi wieder auf dem Kai mitten unter ihnen befand, war er es, der sich schwach und verwundbar fühlte mit seinem schlaffen Bauch und seinen dünnen Beinen. Wenn er an ihnen vorbeiginge, um zu seinem Wagen zu gelangen, würde er nichts als ein von kräftigen Gestalten überragter fettleibiger, kleiner Mann sein. Er würde schnell in seinen schwarzen Rolls Royce steigen und den Wagenschlag wie das Visier eines Ritterhelms zuklappen lassen, um sich hinter der lackierten Panzerung des Fahrzeugs so sicher und stark zu fühlen wie vorher oben auf der Kommandobrücke der „Saint-Domingue". Wenn sich Cartier-Perichard

Termékadatok

Cím: Der Phönix [antikvár]
Szerző: Francois Ponthier
Kiadó: Europäischer Buchklub
Kötés: Fűzött kemény papírkötés
Méret: 130 mm x 210 mm
Francois Ponthier művei
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