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DER FLUSS ALS TEXTFLUSS
Flüsse verstehen wir übhcherweise als glatte Linien, die Grenzen überqueren, Unterschiede gleitend machen. Der Fluss, von dem diese Anthologie handelt, ist eine verknotete Landschaft. Er verbindet nicht nur die Quelle mit der Mündung, verschiedene Städte und Länder, die an seinem Lauf liegen, sondern macht Verwickeltes, Aufeinanderprallendes, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, ja die Fragmentiertheit einer Region selbst überhaupt erst sichtbar. Kurz: Er ist ein ungewöhnlicher Fluss.
Ungewöhnlich sind auch die Kategorien, in denen er verhandelt wird. Wenn man nur flüchtig den Band durchblättert: Er »führt Dinge mit sich, die unvereinbar scheinen«, ist ein Fluss, der »keine Hegemonie verträgt«, ist eine Grenze »wie die Mauer«, »ein Gott« oder »das Ganze«, ist eine »Fremdlingin«, aber auch: »die tiefsinnigste, klügste Erzählung, die uns die Geografie unseres Kontinents bietet« - das alles ist die Donau. Ein Fluss, mit dem sich die unterschiedlichsten Agenden, Erzählungen und Traditionen verbinden.
Bei so viel Vielfalt erstaunt es gar nicht mehr, wenn Péter Esterházy in seinem Roman Donau abwärts den Satz in den Raum wirft: »Die Donau gibt es nicht, das ist sonnenklar!« Weil sie nicht ein Strom ist, muss die Donau als Textfluss angesehen werden, der aus verschiedenen Wahrnehmungen, Vorstellungen und Narrativen als Projektionsfläche vielfältiger Gesichtspunkte hervorgeht und, mit Esterházy gesprochen, als »ein Sonett, eine Sprechart, ein Diskurs« aufzufassen ist. Die Idee der Formung und Umformung von physischem Raum bildet auch den Ausgangspunkt für die Konzeption unserer Donau-Anthologie, sie wird durch eine zeitliche und historische Dimension ergänzt, die dem Strom nicht nur als Schauplatz historischer Begebenheiten, sondern auch als Metapher von Zeit und Geschichte eigen ist. Hinzu kommen Fragen wie: Wie wirkt