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ERNST PENZOLDT
Die Kunst, das Leben zu lieben
Vorausschicken muß ich, daß ich in der Wahl meiner Eltern sehr glücklich gewesen und in gesicherten, wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen bin. Da ist es freilich keine Kunst, das Leben zu lieben, wird man einwenden. Allein von heute aus gesehen scheinen dazumal um die Jahrhundertwende viele Menschen, die allen Grund zu einer dankbaren Wohlzufriedenheit gehabt hätten, nicht gewußt zu haben, wie gut sie es hatten.
Ich hatte eine glückliche Jugend, aber das Leben in mir, das Leben überhaupt scheint sich weniger, als man annehmen müßte, darum zu kümmern, welcher Wohlstand seiner wartet.
Ungeachtet des gutbürgerlichen Wohlstandes, der mich vom ersten Atemzug an umgab, hatte ich Angst vor der Welt. Ich erinnere mich daran sehr deutlich, und es ist merkwürdig genug, daß ein Kind von Anfang an schon in bezug auf das Erdendasein ein so deutliches Gefühl einer - Zumutung haben kann, der es sich nicht gewachsen fühlt.
Niemand hat es auf gewisse Schwierigkeiten, die das Leben bietet, aufmerksam gemacht. Woher weiß es davon, wenn es morgens in seinem Gitterbett erwacht? Warum mißtraut es sich? Es scheint ihm die süße Ahnungslosigkeit gefehlt zu haben, es muß da etwas mitbekommen haben, daß es sich schon so früh fehl am Platze fühlte, daß es >fremdelte< und seine älteren Brüder beneidete, weil es für sie offensichtlich keine Schwierigkeiten gab und sie sich ihrer Sache so sicher fühlten. Sie taten einfach mit. Ich tat nicht mit, aber ich verfiel sehr bald darauf, wenigstens so zu tun als ob, mit einer gewissen Schläue, damit die >andern< es nicht merkten, daß ich - so kam es mir vor - nicht dazu gehörte und mich in etwas Unvermeidliches schicken müsse.